Die roten Aufnadelungspunkte bei der Waadt 5

Es ist eine ganz eigenwillige und bei keiner andern Ausgabe anzutreffende Sache der sogenannten „Waadt 5" ( Centimes), die im Jahre 1850 beim Lithografen Schmid in Genf gedruckt worden sind: die roten Aufnadelungspunkte mitten in den vier Bogenecken (1., 10., 91. und 100. Marke des 100er Bogens), also mitten in der weissen Farbe des Schweizerkreuzes.

Für Philatelisten, die diesbezüglich wenig Erfahrungen haben sei erwähnt, dass man bei diesen Bogenecken im Kreuz drin einen roten Punkt und meist auch ein kleines Löchlein, eben, den sogenannten Aufnadelungspunkt vorfindet. Dieses Löchlein hat natürlich nichts mit einer Beschädigung zu tun sondern ist druckbedingt, also original.

Die Funktion dieses Aufnadelungspunktes ist bisher meines Wissens nicht erläutert oder beschrieben worden. Es wurde wiederholt die Vermutung geäussert, dass dieser rote Punkt zum Einpassen des Rotdrucks in den Schwarzdruck gedient habe. Dass der Rot- nach dem Schwarzdruck erfolgt ist, steht für mich eigentlich ausser Frage. Ich habe darüber mit Herrn B.Geiser gesprochen, seines Zeichens selber Lithograf. Er vertritt nun ebenfalls die Meinung, dass dieser Punkt niemals zum Einpassen des Rotdrucks gedient haben kann, weil er ja mitten in den Eckmarken liegt. Zum Einpassen einer Farbe benützt man vielmehr Anlagelinien, die aber immer zwingend am Bogenrand liegen müssen.

Ich bin dieser Sache nun nachgegangen und habe im Laufe der Jahre in meinen eigenen Beständen folgende Stücke gefunden:

Waadt 5,
    

5. Marke mit oberem Bogenrand und roter Anlagelinie rechts oben im Bogenrand drin.

Waadt 4,
    

6. Marke des Bogens mit roter Anlagelinie links oben. Da die Waadt 4 auf dem gleichen Druckstein wie die Waadt 5 gedruckt worden sind, dient auch dieses Stück als Beispiel.

Waadt 5,
    

12er Block vom rechten Bogenrand mit einer roten Anlagelinie zwischen der 50. und der 60. Marke rechts im Bogenrand.

Waadt 4,
    

96. Marke mit roter Anlagelinie unten links.

Waadt 5,
    

96. Marke mit roter Anlagelinie unten links.

Damit ist klar bewiesen, dass es

1. rote Anlagelinien bei der Waadt 5 (und der Waadt 4) auch gegeben hat und dass sich diese

2. jeweils in der Mitte des Bogens (wohl an allen vier Seiten) befunden haben, nicht aber in den Bogenecken.

Wozu nun aber die Aufnadelungspunkte in den vier Bogenecken? Herr Geiser meinte, dass diese ganz einfach zur Fixierung der Bogen auf dem Druckstein gedient hätten. Es ist allenfalls auch möglich,dass man mit einer Rollenpresse arbeitete, bei welcher der Druckbogen auf einer Art von Schlitten unter einer Anpress-Rolle durchgezogen wurde. Sowohl hier, wie auch bei einer der sonst üblichen Spindelpressen konnte es durchaus wünschenswert sein, die Bogen beim Druck zu fixieren. Dies muss man sich so vorstellen, dass in den vier Marken der Bogenecken ganz feine „Nadeln" in den Druckstein so eingebohrt worden sind, dass diese nur noch wenige Zehntelsmillimeter vorstanden. Durch den Druck der Presse genügte dies vollauf, den Bogen beim Druckvorgang nicht mehr verrutschen zu lassen. Diese kleinen Nadelstümpfe wurden beim Druck der roten Farbe ebenfalls mit Farbe versehen und druckten dann halt mit. Dies sehen wir heute in Form der roten Aufnadelungspunkte. Während wir in den vier Bogenecken die roten Punkte eigentlich immer vorfinden, verhält es sich mit den kleinen Löchern dieser Nadelspitzen dort nicht ganz so. Ich habe solche Bogenecken wohl mit roten Punkten, aber ohne Löchlein in der Mitte gefunden und schliesse daraus, dass diese Nadeln entweder das Papier nicht immer zu durchdringen vermochten, weil letzteres bei den Waadt 5 stark in der Dicke variert oder aber sich mit fortschreitendem Druck vielleicht abnützten, immer weniger vorstanden auf dem Druckstein und damit eben nicht mehr immer das Papier zu perforieren vermochten.

Ein interessantes Detail habe ich bei der Waadt 4, 6. Marke, mit roter Anlagelinie oben links bemerkt: Dieses Stück hat nebst der roten Anlagelinie auch noch ein ziemlich markantes Löchlein oben links. Als spätere Beschädigung eigentlich ganz ungewöhnlich in dieser runden Form. Da ich meines Wissens bisher noch nie eine Waadt 4 aus einer der Bogenecken mit Aufnadelungspunkt in der Kreuzmitte gesehen habe, könnte ich mir vorstellen, dass Herr Schmid beim Druck der Waadt 4 mit diesen Aufnadelungspunkten sozusagen noch experimentiert hatte. Es wäre durchaus denkbar, dass er ebenfalls solche Nadeln auf dem Druckstein angebracht hatte, aber nicht in den Ecken, wie später beim Druck der Waadt 5, sondern in der Mitte des Bogens. Da dieses Löchlein markanter ausgefallen ist, als sonst bei der Waadt 5 - und auch nicht in der Kreuzmitte, sondern in der linken oberen Ecke, aber noch in der Marke drin - wäre es durchaus vorstellbar, dass ihn diese „störenden" Löcher in der Marke drin bewogen haben, die Aufnadelungspunkte in die Bogenecken zu verlegen und vor allem auch mit kleineren Nadeln zu arbeiten. In diesem Sinne wäre dieser Aufnadelungspunkt bei der Waadt 4 in der Bogenmitte sozusagen als Vorläufer der späteren Punkte in den Bogenecken der Waadt 5 zu verstehen. Es wäre interessant zu erfahren, ob von Kollegen- oder Sammlerseite weitere Stücke dieser Art vorhanden sind, um das Bild abzurunden.

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