Alltagssorgen

 Gibt es nicht viele Negativerlebnisse von Sammlern, die ihre Sammlungen mit Ausgaben der letzten paar Jahrzehnte veräussern wollten oder noch möchten?

Auch wenn diese Sparte unser Geschäft mit der Ausrichtung auf die rein klassische Epoche der Schweizer Philatelie von 1843 bis ca. 1880 überhaupt nicht tangiert, so ist sie dennoch für den überwiegenden Teil der Sammler und Kollegen ein akutes Problem. Der weitaus grösste Anbieter oder Verkäufer von Briefmarken - die Post - präsentiert sich seit einigen Jahren in einem ganz neuen Kleid. Sie ist (leider) ein reiner Dienstleistungsbetrieb geworden und an der Spitze mögen durchaus geschulte Manager stehen, aber sicher sind es keine Philatelisten mehr, die dort in leitenden Funktionen agieren. Bei einem Gesamtumsatz des Postbetriebes von mehr als drei Milliarden Franken spielen ein paar Dutzend Millionen Umsatz (man könnte auch sagen ein paar Dutzend Millionen Reingewinn) mit Briefmarkensammlern offenbar keine Rolle mehr. Zahlenmässig mag das stimmen - die Manager lernen dies offenbar so. Was dabei aber völlig vergessen wird ist die menschliche Komponente. Auch heute noch sind es über 130 000 Abonnenten, die die Schweizer Post nach wie vor mit ihren Neuheiten beliefern darf. Und für die paar Dutzend Millionen, die diese Lieferungen (mit vergleichsweise sehr wenig Personalaufwand) einbringen, muss die Post praktisch keine eigene Leistung erbringen. Die Selbstkosten dafür sind absolut vernachlässigbar.

Dieses Heer von Neuheitenabonnenten sieht sich aber völlig allein gelassen, wenn es darum geht, diese Erwerbungen eines Tages wieder an den Mann oder die Frau zu bringen. Die Post tritt nur als Verkäufer auf - von einem späteren Rückkauf (zu welchem Preis auch immer) war und ist niemals die Rede. So sollen denn die Ladenhändler, die diese Neuheiten nur zu einem ganz geringen Teil je selber ausgeliefert hatten, diese Ausgaben aufnehmen. Und dort liegen genau diese Neuheiten in grosser Anzahl ohnehin schon am Lager und ein weiterer Bedarf besteht nicht. Auch an Auktionen finden sich dafür kaum Käufer. So kommt es, dass die Neuausgaben der letzten nunmehr schon 40 Jahre heute unter Nominalwert im Markt erworben werden können! Das gilt aber nur für die ungebrauchten Serien, gebrauchte wie auch die recht teuren Ersttagsbriefe finden praktisch gar keine Käufer mehr. Das kann auf die Dauer keine befriedigende Lösung sein. Unter Kundenpflege oder Kundenanbindung würde man sich heute andere Wege vorstellen. Das ist sicher der Hauptgrund, warum sich eine grosse Zahl von Sammlern enttäuscht abwendet. Kommt neuerdings noch dazu, dass die Sammler dort, wo sie sich mit ihren Schätzen einer Oeffentlichkeit zu präsentieren pflegen, wo sie also mit Stolz zeigen, was sie sammlungsmässig zustande gebracht haben im Laufe eines Sammlerlebens, an Ausstellungen also, nur noch sehr beschränkt mit der (finanziellen) Unterstützung der Post rechnen können. Es sind zwar einzig und allein deren Kunden, die sich dort zu ihren Treffen versammeln, aber unterstützungswürdig scheinen diese Veranstaltungen heute unter den modernen Managementgesichtspunkten leider nicht mehr zu sein. Wenn der weitaus grösste philatelistische Anbieter (mit immerhin einem Reingewinn lediglich aus den rein philatelistischen Angeboten, der sämtliche Gewinne aller andern diesbezüglichen Anbieter schweizweit gesamthaft übertreffen dürfte) kaum noch zu bewegen ist, grosse Veranstaltungen, wie wichtige Regiophil- oder gar nationale Ausstellungen in grossen Teilen zu finanzieren, so wird es künftig kaum noch möglich sein, diese grossen Treffpunkte der Philatelistenwelt zu organisieren.

Die Mietpreise für die grossen Hallen in den ganz wenigen Orten der Schweiz, die dafür marktmässig überhaupt in Frage kommen, übersteigen die Möglichkeiten der Sammlervereine oder der Händler bei weitem. Blickt man sich im Ausland um, so stellt man fest, dass in vielen Ländern, wo Briefmarken-Ausstellungen mit sechsstelligen Besucherzahlen veranstaltet werden, es nicht selten die Post ist, die die Veranstaltung allein oder wenigstens mehrheitlich organisiert, sponsert und damit überhaupt erst ermöglicht. Wenn von dieser Seite her künftig nicht mehr an Hilfe zu erwarten ist, so sieht es für die organisierten Sammler bezüglich grösserer Ausstellungen in unserem Land in der Tat nicht sonderlich gut aus. Dabei würde es bei weitem schon genügen, wenn die Post jährlich nur jenen Betrag, den Sie infolge der bevorzugten Behandlung mit der Mehrwertsteuer (weitgehende Befreiung davon im Gegensatz zu den Berufshändlern) einsparen kann für philatelistische Projekte solcher Art ausgeben würde. Eine andere Variante: von uns Händlern erwartet man die Mietung von Tischen oder Ständen an Börsen oder Ausstellungen. Ohne diese Händlerbeteiligung könnten diese Veranstaltungen wohl kaum noch durchgeführt werden. Diese Stände kosteten auch früher schon Geld. Und zwar anfänglich für unser Geschäft vielleicht 10-20% vom Gewinn, den man mit den Verkäufen an diesen Ausstellungen erzielen konnte. Diese Zeiten sind aber seit langem vorbei. Heute stellt man nicht selten fest, dass gewisse Kollegen (vor allem auch an Ausstellungen im Ausland) die Spesen längst nicht mehr in Prozenten vom Gewinn, sondern in allen Fällen in Relation zu den Umsätzen setzen. Und häufig sind die Spesen grösser als alle Verkäufe zusammen. Es ist nahe liegend, dass bei Spesen von mehr als 100% der Verkäufe (nicht des Gewinns!) dies auf die Dauer kaum ein Erfolgsrezept sein kann.

Würde die Post - als wie gesagt weitaus grösster Marktteilnehmer - aber lediglich sagen wir einmal 5% vom Gewinn, den sie allein mit Verkäufen an Philatelisten erzielt, für eine sachkundige Marktpflege einsetzen (Organisation und Finanzierung von Ausstellungen - auch in "nichtphilatelistischem" Umfeld - Marktabschöpfung von Neuheiten auf dem Markt, von Material also, das grossmehrheitlich zwar von der Post geliefert, aber heute im Markt gemeinhin als "unverkäuflich" angesehen wird und das die Stimmung unter den Sammlern in zunehmendem Masse vergiftet), so würde die philatelistische Zukunft und die Stimmung vorab unter den kleineren Sammlern viel rosiger aussehen. Vor allem auch für die Post selber mit ihrer Neuheitensparte. Ziemlich unfair wäre es nun aber, die Schuld an den gegenwärtigen Schwierigkeiten, die Sammlerzahl auch nur zu erhalten, geschweige denn zu vergrössern, allein der Post anzulasten. Mir scheint, dass wir alle, die wir uns der Philatelie verbunden fühlen, uns fragen müssten, wie denn wir alle hier mithelfen könnten, den Zug wieder zum Fahren zu bringen. Wenn es an jungen Sammlern angeblich fehlt, so müssten sich natürlich auch die Sammlervereine fragen, ob sie denn sich jemals Gedanken darüber gemacht haben, wie denn junge Interessenten sich angesprochen fühlen könnten. Es genügt nicht (auch wenn dies schon ein guter Anfang sein mag) Anfängerkurse zu veranstalten, die dann kaum oder nur wenig besucht werden. Man kann sicher nicht warten, bis sich die Interessenten von alleine melden. Es gibt glücklicherweise etliche Vereine in der Schweiz, die keineswegs nur warten, bis sich Interessenten im Verein melden, sondern die versuchen, auf verschiedene Arten, auf die Jungen zuzugehen und sie zu animieren. Dabei ist es nicht wichtig, diesen irgendeine bestimmte Sammelrichtung vorzugeben oder ihnen sture Vorschriften zu machen, wie eine Sammlung auszusehen habe und wie nicht. Die persönliche Freiheit sollte so weit wie möglich belassen werden. Persönlich scheint mir der Erfolg bei unserem philatelistischen Nachwuchs dort am grössten, wo die Jugendlichen schon in der Schulzeit motiviert und angeleitet werden können.

Auch dazu gibt es einige sehr schöne und fruchtbare Erfolgsausweise. Die Tatsache, dass Schüler, die nach der Schulzeit das Markenalbum auf die Seite legen und sich mit andern Dingen beschäftigen ist völlig normal! Das hat rein gar nichts mit einem Scheitern der Jugendarbeit zu tun. Auch wenn der eine oder andere nie mehr zu den Marken zurückfinden mag, so sieht man es doch fast täglich, dass Leute, die im Alter von 35, 40 oder 50 Jahren, nachdem sie einigermassen sesshaft geworden und eine Familie gegründet haben, plötzlich den Weg zurück zum früheren Hobby wieder finden. Und der Widereinstieg nach ein paar Jahrzehnten erfolgt dann viel reibungsloser und oft auch völlig von alleine! Diese Leute kennen die Sammlerfreuden durchaus und haben diesbezügliche Jugenderinnerungen. Die müssen kaum noch gross motiviert werden. Mit der Jugendarbeit zur Schulzeit wird also sozusagen der Weg gepfadet. Befahren wird er aber oft erst einige Jahrzehnte später, wenn die "Sturm-und Drangzeit" vorüber ist. Warum aber nicht jenen Weg beschreiten, der in meinen Augen der erfolgversprechendste überhaupt ist: selber dafür sorgen, dass man einige, zumindest aber einen einzigen neuen Sammler gewinnen und motivieren kann!

Ich richte mich hier keineswegs an die Sammler allein, sondern schliesse uns Händler durchaus auch mit ein! Wenn wir alle uns bemühen, nicht nur an den möglichst billigen Erwerb oder den Gewinn zu denken sondern uns ebenso freuen können, wenn wir wenigstens einen einzigen neuen Sammler gewonnen haben, so hätten wir ganz sicher keine schwindenden Sammlerzahlen. Natürlich kann dies für die Händler vorerst nur eine "Investition in die Zukunft" sein, von der man - momentan - sicher nicht leben und auch keine Steuern zahlen kann. Aber später könnte ja daraus einmal nicht nur ein blosser Sammler sondern vielleicht sogar ein guter Kunde werden. Und dafür lohnt es sich doch, gewisse Anstrengungen zu unternehmen und jene Kreise zu unterstützen, die gute Ideen für die Nachwuchsarbeit haben. Für die meisten Sammler, die eigene Familienmitglieder haben, die später einmal die eigene Sammlung erben und weiterführen sollten, gibt es in meinen Augen eine sehr gute Einstiegshilfe: die Geburtstagssammlung! Darunter versteht man, dass man möglichst viele Stempel auf losen Marken oder aber auf Briefen mit dem Geburtstags-datum des möglichen Erben, also des oder der Kinder oder Enkel usw. zusammenträgt. Und zwar immer nur den richtigen Tag und den richtigen Monat. So wie man jedes Jahr den Geburtstag feiert, so freut es einen, diesen Geburtstag auf möglichst vielen Stücken aus möglichst vielen Jahren beisammen zu haben. Warum soll so etwas nun eine Einstiegshilfe für einen Jugendlichen sein? Die Erfahrung lehrt, dass durch diese kleine Einführung eine Sammlung vollkommen persönlich wird. Es ist dann nicht mehr einfach ein handelbares Objekt, das man geerbt hat wie ein paar Aktien, sondern es hat einen Bezug zu der Person selber! Man trennt sich von einem persönlichen Objekt viel weniger schnell, als von einem unpersönlichen. Und genau darin liegt der Vorteil: auch wenn solch eine Geburtstagssamm-lung ohne weiteres nur aus wenigen Stücken oder aus einigen wenigen Blättern bestehen kann, ergibt sich zur ganzen übrigen Sammlung, die einmal mitvererbt wird, eine völlig andere, eben eine persönliche Beziehung. Teilen Sie uns doch die für Sie in Frage kommenden Daten mit und wir können Ihnen ohne weiteres sagen, was bei uns davon vorrätig wäre. Ihre Erben werden Ihnen dafür eines Tages dankbar sein und für Sie selber wird es ebenso viel Freude bereiten, wenn Sie sehen, dass jemand aus Ihrer eigenen Familie Ihre eigene Sammlung gerne weiterführen möchte! Die Vorstellung, ein Leben lang gesammelt und die eigenen Schätze und vor allem auch Erkenntnisse nicht einfach aufgeben zu müssen, sondern weitergeben zu können ist für alle bestandenen Sammler eine grosse innere Befriedigung.

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