Bekommt man eine seltene Einheit einer an und für sich schon hochwertigen Marke zu Gesicht, ist man all zu gerne versucht, von «Unikat» zu sprechen oder sie als «einmalig» zu bezeichnen. Mit diesen Begriffen sollte man in der Philatelie vorsichtig operieren. Ob ein Stück aber in der Tat einmalig ist, also nur ein einziges Mal vorkommt oder ob es davon ein halbes Dutzend Exemplare gibt, die sich alle in festen Händen befinden, ist für den heutigen Sammler vielfach einerlei. Die Schätze der Museen und viele Stücke aus bedeutenden Privatsammlungen kommen nie mehr unter die Leute, resp. haben die Wirren der Kriege nicht überlebt. So kann es durchaus vorkommen, dass man aus der Literatur gewisse Belege kennt, diese aber seit Jahrzehnten nicht mehr gesehen hat und man bisweilen davon ausgehen muss, dass sie möglicherweise gar nicht mehr existieren.
Das heutige Titelbild habe ich nicht ganz zufällig gewählt! Einmal handelt es sich um eine Marke, die heute arg vernachlässigt wird. Viele Sammler empfinden diese sogenannte «Neuenburg» als nicht besonders schön und begnügen sich deshalb dort mit einem einzigen Stück. Woher der Name «Neuenburg» für diese Marke kommt, ist übrigens ungeklärt. Sie wurde ja in Genf herausgegeben - und nicht etwa in Neuenburg! Es liegt mir viel daran, nicht nur jene Marken zu propagieren, die ohnehin sich einer grossen Beliebtheit erfreuen, sondern vor allen Dingen auch jene, die ungerechtfertigterweise recht eigentlich vernachlässigt werden. Oft hält eine solche Periode der Unterbewertung einige Jahre an und wird hernach von der Sammlernachfrage her beendigt. Sicherlich spielt es bei der Neuenburg eine grosse Rolle, dass man kaum viele Entwertungen und nur ganz ausserordentlich selten Einheiten finden kann. Immerhin darf man an dieser Stelle darauf hinweisen, dass man zumindest bei den beiden häufigsten Entwertungsarten, denen man hier begegnet, den «Rauten», zwei verschiedene findet. Einmal die 13-linige Genfer Raute, bei der die beiden äussersten Rhombensegmente fehlen. Und die 15-linige eidgenössische Raute. Wann genau welche und in welcher Stempelfarbe im Gebrauch war, wäre einer eingehenden Studie wert. Derzeit gibt es kaum mehr als zwei, drei Leute, die diesen Fragen ernsthaft nachgehen. Nebst diesen beiden wichtigsten Stempeln wären wie gesagt die verschiedenen Farben derselben zu erwähnen. Wobei die schwarze Farbe üblich ist. Blaue Rauten sind schon seltener zu finden und als extrem selten müsste man die roten bezeichnen. Beim genauen Betrachten fallen einem aber andere Unterscheidungsmerkmale auf. So vor allem im Schwarzdruck. Man entdeckt in den Katalogen zwei Nuancen, die normale und die tiefschwarze. An sich kann man aber etliche Zwischenstufen auseinander halten, wie dies bei den Basler Tauben mit der blauen Farbe auch der Fall ist. Weniger bekannt als die Unterschiede im Schwarzdruck sind jene im Rotdruck. Betrachten Sie einmal die Rotdrucke der beiden Marken auf dem Titelbild! Sie werden wohl leicht feststellen, dass dies zwei verschiedene Nuancen sind! Die linke Marke weist einen bräunlicheren, die rechte einen rötlicheren Rotdruck auf.
Nun zum Vorkommen der Paare. In losem Zustand sind in der Literatur ungestempelt und gestempelt jeweils nur ganz wenige Stücke bekannt (je 2-3). Auf Brief hingegen verhält es sich nicht anders. Mit Bedauern muss man feststellen, dass es darüber nur sehr wenige Aufzeichnungen gibt. Und wenn man nicht selber mit alten Auktionskatalogen sehr gut dotiert ist, wird man etwelche Mühe haben, über diesen Punkt Schlüssiges aussagen zu können. Leider geht es mir nicht viel anders! Was ich in der Literatur finden konnte an Briefen mit mehr als einer Marke ist schnell erwähnt:
1. Brief von Genf nach Bulle mit drei Einzelstücken und blauen Rauten vom 14. Oktober 1852. Dieses Porto entsprach dem 3. Briefkreis nach eidgenössischem Posttarif. Erstmals habe ich diesen Brief in der Seybold-Sammlung entdeckt, die bereits 1910 in New York versteigert worden ist. Hernach zierte er unter anderem die Sammlung von Caspary und kam daraus 1957 erneut zur Versteigerung.
2. Brief von Nyon vom 14. Dezember 1852 mit zwei Neuenburg mit roten eidg. Rauten. Dieser Brief findet sich ebenfalls erstmals in der Seybold-Sammlung erwähnt. Leider verlieren sich hernach seine Spuren und nach meinem Wissensstand ist er seither - also seit gut und gerne drei Generationen! - nicht mehr aufgetaucht. Ob er in einem Krieg zerstört worden ist? Ob irgend etwas nicht in Ordnung war und er aus diesem Grunde «aus dem Verkehr gezogen» worden ist? Ich weiss es nicht. Einzig kann ich sagen, dass es mir vor Jahren einmal möglich war, eine lose Neuenburg mit roter Raute zu erwerben. Bisher das einzige Stück mit diesem überaus seltenen Stempel, das ich von dieser Nummer je gesehen habe.
3. Brief von Genf nach Lausanne vom 30. Oktober 1851 mit zwei Einzelstücken (mit verschiedenen Rotdrucken!) und schwarzen Rauten. Unser heutiges Titelbild also. Das Porto entsprach demjenigen des 2. Briefkreises (10-25 Wegstunden) nach eidg. Posttarif vom 1.10.1849). Um auf die Eingangsfrage zurückzukommen: Unikat? An sich nicht ; und vielleicht eben doch! Aber ist dies denn dermassen wichtig? So oder so muss man diesen Brief den allergrössten Schweiz-Seltenheiten zuordnen. Denn von den andern Kantonalmarken, von denen Paare (oder zwei Einzelstücke auf Brief) bekannt sind, findet man eigentlich überall mehrere Exemplare (Zürich 4, Basler Taube, Waadt 4). Ich wäre am Erwerb vergleichbarer Seltenheiten in diesem klassischen Bereich sehr interessiert.
Schmerikon, 8. Mai 1987
G. Honegger
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