Der teuerste Schweizer Brief?

Zum Los 63, Doppelgenf Brief vom 28. Nov. 1844 von Genf nach Vernier an Théodore Barrilliet.

Die nachfolgende Begebenheit soll Sie, verehrte Kundinnen und Kunden, bewegen, bisweilen nicht nur das Äussere eines alten Briefes zu beachten, sondern auch einen Blick auf den Inhalt zu werfen. Sie werden dabei manche Trouvaille machen können, die Ihnen recht viel Spass und Freude an der Sammlerei bereiten wird.

 

   Neulich konnte ich einen der schönsten und besten Doppelgenf-Briefe erwerben, die ich kenne. In selten schöner Handschrift schreibt eine Mutter an ihren Sohn, der sich in einem Internat befindet und dankt ihm erst einmal für seine Anteilnahme an ihrer Gesundheit und erzählt allerlei Begebenheiten aus dem Bekanntenkreis. Dann fährt sie fort, dass sie ihm heute keine Frankaturen beilege, weil er ja am Sonntag auf Urlaub nach Hause komme und er diese dann selber mitnehmen könne!

 

   Dieser Brief von Genf nach Vernier ist mit einer Doppelgenf frankiert. Eine Portobeilage für die Briefe des Sohnes an die Mutter zu Hause kann also nur bedeuten, dass hier zwar die dafür benötigten Doppelgenf im Hause waren, dass er diese aber selber am Sonntag ja mitnehmen könne!

 

Hier muss ich vielleicht ein eigenes Erlebnis einflechten. Als philatelistisch interessierter Primarschüler habe ich in einem Stapel Korrespondenzen meines Grossvaters einen Brief an einen seiner Söhne (meinen Onkel) gefunden, der damals in Bern studierte. Wahrscheinlich kam der Brief, kurz vor Weihnachten 1921 an, als mein Onkel sich wohl für die Rückkehr anschickte, um die Feiertage zu Hause zu verbringen. Jedenfalls muss er diesen Brief samt Inhalt wieder mit nach Hause genommen und dann dort liegen gelassen haben. Jedenfalls enthielt dieser gut 30 Jahre später, als ich ihn dann vorfand, immer noch eine (schon längst ausser Kurs gesetzten) 20er Note und - was mich als angehenden Philatelisten eigentlich noch weit mehr begeisterte: einen postfrischen Viererblock der 20er Juventute-Marke aus diesem Jahre! Dieser war zweifelsohne als Rückporto für die erwarteten Nachrichten des studierenden Sohnes gedacht!

 

   Wenn wir nun zu unserem Vernier-Brief zurückkehren werden Sie wohl begreifen, was mir hier durch den Kopf gegangen ist! Wie wäre es denn, wenn der liebe Sohn Théodore jetzt zufälligerweise an diesem Wochenende nicht nach Hause gekommen und deshalb die Rückfrankatur im Brief drin erhalten und aus ähnlichem Grunde wie mein Onkel dann liegen gelassen hätte? Sie dürfen mit der Phantasie ruhig noch etwas weiter gehen: in welcher Form hätte sich diese «Portobeilage» wohl befunden? Zwei, drei oder gar vier Doppelgenf zusammenhängend? Wenn möglich gar in einer senkrechten Einheit! Was würde sich daraus heute machen lassen!

 

Im Brief fährt die Mutter weiter, dass ein Brief für ihn gekommen sei, den sie eigentlich hätte beilegen wollen. Aber es hätte einen zu dicken Umschlag gegeben! Jetzt muss man sich vor Augen halten, dass Briefe im Kanton Genf im Jahre 1844 10 Centimes kosteten. Aber nur bis zu einem Gewicht von 1 Unze (31 Gramm). Nach meinem Wissensstand ist kein einziger Brief bekannt, der schwerer gewesen ist und deshalb zwei Doppelgenf als Frankatur benötigt hätte! Ist es nicht jammerschade, dass die Mutter diesen offenbar recht dicken Brief nicht halt doch beigelegt hatte!? Die reelle Chance hätte bestanden, dass hier der einzige bekannte Doppelgenf-Brief mit zwei Stücken als Frankatur entstanden wäre! wie möchten Sie solch ein Ding heute einschätzen - vor allem, wenn er so hervorragend erhalten und luxus sich ausnehmen würde, wie dieses Beispiel hier zeigt!? Sicherlich hatte auch hier die bevorstehende Rückkehr des Sohnes eine Rolle gespielt. Der Brief der Mutter ist am Donnerstag aufgegeben worden und wird den Sohn gleichentags oder aber spätestens am Freitag erreicht haben. Warum konnte dieser nicht eine Woche später in den Urlaub fahren? Vielleicht wäre hier eine absolute Weltrarität entstanden, die eigentlich nur der Zufall verhindert hat: ein Brief mit einem Paar der Doppelgenf!

 

Der «teuerste Schweizer Brief» also? Leider nicht ganz, aber beinahe! Aber sich dies auszumalen und davon zu träumen kostet ja nichts!

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