Die Retouche, die gar keine ist

Betrachtungsgegenstand: die 39. Marke der Zürich 6-Bogens

Zur nationalen Briefmarkenausstellung NABA Züri 1984 brachte der damalige Leiter des Postmuseums in Bern (mit Unterstützung des Fonds zur Förderung der Philatelie) ein sehr nettes Büchlein «Die Zürcher Kantonalmarken von 1843» heraus. Es handelt sich dabei wohl um die umfassendste Studie, die je über die ersten beiden Marken der Schweiz verfasst worden ist und ich möchte sie ausdrücklich jedem ernsthaften Alt-Schweiz-Sammler zum Studium empfehlen.

Die Erwähnung an dieser Stelle hat verschiedene Zwecke:

1. Möchte ich Sie, verehrte Sammlerinnen und Sammler ermuntern, ab und zu auch einen Blick in ein philatelistisches Buch zu werfen. Ein gewisser Prozentsatz jener Mittel und jener Zeit, die wir in unser gemeinsames Hobby der Philatelie investieren, sollte der Literatur gewidmet sein.
2. Einer Schlussfolgerung aus den Ausführungen von Herrn Gnägi sollte Rechnung getragen werden und die «Retouche» 4 auf der 39. Marke aus den Katalogen verschwinden, weil in diesem Bogenfeld rein gar nichts retouchiert worden ist.
3. Ich möchte unsere Kunden darauf hinweisen, dass wir über eine Anzahl dieser Büchlein von Herrn Gnägi noch verfügen, die wir an interessierte Sammler gerne abgeben. Nur durch die möglichst weitgehende Verbreitung guter und fundierter philatelistischer Literatur können weitere Kenner einer diesbezüglichen Materie bewogen werden, ihre eigenen Erkenntnisse zu Papier zu bringen. Denn rein finanziell wird sich dies ohnehin nie auszahlen.

Einige Erläuterungen oder Rekapitulationen der Erkenntnisse von Herrn Gnägi aus diesem Buch:

Es darf davon ausgegangen werden, dass für die Zürich 6 (Schwarzdruck) nur ein einziger Druckstein verwendet worden ist. Bislang ist es nicht gelungen, den Nachweis eines weiteren Steines zu erbringen. Deshalb kann man annehmen, dass der Druckstein, wie er 1862 noch vorlag und mit welchem man die vier Abzüge der Neudrucke herstellte, genau so auch für die früheren Drucke der Zürich 6 auch ausgesehen hat. Am einfachsten kann man dies erläutern mit den Bogenfeldern der 98. und der 39. Marke. Im Bild des Neudruck-Bogenteils auf der gegenüberliegenden Seite sehen Sie sehr deutlich die sogenannte «grosse Retouche» im 98. Bogenfeld. Diese kommt auf sämtlichen 98. Bogenfeldern, also schon von Beginn des Druckes der senkrechten Zürich 6 an vor. Im Zumstein Spezial-Katalog findet man sie unter den Nummern 2S.3.03, resp. 2W.3.03.
   Beim 39. Bogenfeld jedoch kann man im Neudruck überhaupt nichts von einer erfolgten Retouchierung sehen. Was man im Spez.-Katalog bislang als «Retouche 4» im Feld der 39. Marke katalogisiert hat, ist demzufolge also gar keine Retouche. Und dennoch ist bei gewissen Stücken dieses 39. Bogenfeldes links oberhalb der «6» deutlich ein eigentümlicher Fleck zu sehen. Die feinen Netzlinien sind irgendwie «zerquetscht», man könnte sogar sagen gespalten. Das wird wohl der Grund gewesen sein, warum man auf eine «Retouchierung» gekommen ist. Die Ursache dieser Erscheinung liegt aber nach den Erkenntnissen von Herrn Gnägi nicht in einer Manipulation am Druckstein selber, sondern in einer zeitweiligen Veränderung am Deckbogen, der zwischen dem Druckbogen und dem Gegendruckzylinder zu liegen kam, welcher den Druckbogen auf den Druckstein presste. Diesen Deckbogen muss man sich vielleicht als Halbkarton vorstellen. Er hatte die Aufgabe, den Druck vom Zylinder zu verteilen, der beim Durchlaufen unter der Presse entstand. Es wäre denkbar, dass an diesem Deckbogen ein Fremdkörper einige Zeit haften blieb (z.B. ein Leimrest), der durch seine Dicke einen weit höheren Druck als üblich auf genau jene bestimmte Stelle auf dem Druckbogen darunter auslöste, als dies normalerweise der Fall gewesen wäre. Ich bin derzeit im Besitze einer gelben Rayon-Marke mit dem genau gleichen Erscheinungsbild: der Schwarzdruck ist total «zerquetscht», zerdrückt, was man vor allem in den Randlinien und in der Ziffer «10» sehr schön sieht. Von einem eigentlichen Doppeldruck kann man nicht sprechen, weil es nicht klare Verdoppelungsspuren sind. Das Bild ist aber ganz ähnlich (nur viel grösser) wie bei der sogenannten «Retouche 4» der Zürich 6. Auch bei dieser Rayon II muss durch das Anhaften der Andruck auf den Druckstein ganz wesentlich grösser gewesen sein als normal. Ich vermute im Rayon-Fall, dass allenfalls zwei unbedruckte Bogen irgendwie aneinander hafteten und dass demzufolge zwei Bogen aufgelegt worden waren.

Meine Folgerungen für den Fall der 39. Marke der Zürich 6 gehen dahin, dass man diese Marke künftig nicht mehr als «Retouche» aufführt. Aber auf keinen Fall soll sie aus den Katalogen gestrichen werden! Denn an dieser Stelle ist zweifelsohne etwas vorhanden, was man sicher als grosse Seltenheit bezeichnen kann. Und zwar deshalb, weil sie nicht auf der ganzen Auflage vorkommt! Dieser Fremdkörper kam irgendwann während der Druckperiode einmal auf den Deckbogen und ist auch irgendwann dort wieder verschwunden oder entfernt worden. Nach den Studien von Herrn Gnägi war dieses Vorkommen einzig auf die Zürich 6 waagrecht beschränkt. Anlässlich meiner eigenen Studien über die Zürich 4 und 6 (siehe meine Kataloge 1984-86) habe ich diese sogenannte Retouche recht eingehend auch studiert und aus meinem Datenmaterial alle diesbezüglichen Stücke herausgesucht. Das Ergebnis mag Sie interessieren. Ich konnte damals keine senkrechten Zürich 6 mit dieser «Retouche» finden. Und bei den waagrechten Zürich 6 habe ich einige wenige ohne diese «Retouche» und den (grösseren) Rest mit «Retouche» gefunden. Bliebe also zu klären ob es sich bei der Foto zur Nummer 2S.3.04c im Zumstein Spezialkatalog wirklich um diese «Retouche» handelt. Mich würde es sehr interessieren, aus dem Leserkreis zu erfahren, ob Sie selber senkrechte Marken mit dieser Erscheinung in der Sammlung haben.
   Die Entscheidung stände weiter an, wie dieses Ding künftig zu bezeichnen und zu katalogisieren wäre. «Retouche» sollte sicher wegfallen. Ob man dies als «Plattenfehler» bezeichnen will oder als «Abart», bliebe zu diskutieren. Ich neige selber zu letzterer Variante, handelt es sich hier doch eigentlich nicht um einen «Fehler auf der Platte», sondern eher um eine Abart, die vorkommen konnte, genauso, wie z.B. das Wasserzeichen «Sihl» im Papier oder ein Farbausfall im Druck infolge eines anhaftenden Fremdkörpers auf dem Druckstein (Fäden von der Reinigung mit einem Lappen).
   Ein Wort noch zum Preis: sicher handelt es sich bei dieser Abart um die seltenste und damit hochwertigste Besonderheit bei allen Zürich 6. Obwohl die «grosse Retouche» auf der 98. Marke noch etwas augenfälliger sein mag spricht das ganz wesentlich kleinere Vorkommen der Abart auf der 39. Marke dafür, dass letztere den grössten Aufpreis unter allen Sonderbewertungen erhalten sollte, wie dies im Spez.-Katalog schon bisher der Fall gewesen ist.
  Für Spezialisten interessant wäre zudem noch die Frage, wie denn die 39. Marke waagrecht ohne Abart zu bewerten sei, von welcher es sicher wesentlich weniger Stücke gibt, als mit! Aber dies überlasse ich Ihnen, sich dazu eine Meinung zu bilden!

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