Seit Jahren kennt man diese Vorausentwertungen (= VE) von Rorschach mit der schwarzen eidgenössischen Raute. Für jene Sammler, die sich damit bis heute noch nicht eingehend befasst haben, sei angefügt, dass einige Posthalter, verteilt über die ganze Schweiz, die Angewohnheit hatten, die Markenbogen am Schalter bereits zum voraus abzustempeln. Die Gründe dafür mögen verschiedenartig gewesen sein. Vielleicht Zeitersparnis, dass man lediglich noch die Marken für die vorgelegten Briefe wegschneiden und aufkleben musste. Man muss sicher auch davon ausgehen, dass damals kaum jemand an den Schalter kam um für sich selber einen Markenvorrat zu erwerben. Normalerweise brachte man die Briefe zur Post und liess sie dort auch gleich frankieren. Das Porto war - verglichen mit den damaligen Einkommen - ausserordentlich hoch, und auch aus diesem Grunde hatte kaum jemand ein Interesse daran, zu Hause Markenvorräte zu halten. Das war unnötig liegengelassenes Geld. Deshalb war es kaum gegeben, dass diese besagten Posthalter mit den VE am Schalter in «Konflikte» mit Kunden kommen konnten, die ungebrauchte Marken mit nach Hause nehmen wollten, indem nur noch entwertete im Lagerbuch vorhanden waren.
Ein weiterer Grund für die Herstellung solcher VE (in meinen Augen der wichtigste) könnte darin gelegen haben, dass diese Postämter möglicherweise zeitweise nicht durch das normale Personal bedient worden sind. So hat mir vor Jahren einer meiner Kunden, der durch nachbarschaftliche Bande mit dem seinerzeitigen Posthalter von Bühler (AR) verbunden war, mitgeteilt, dass dort im Jahre 1852 das Postamt errichtet und Lehrer Jakob Lutz anvertraut worden sei. In der Chronik von Bühler steht im weiteren über Posthalter Lutz nachzulesen: «Als Briefträger verwendete er sein siebenjähriges Knäblein Heinrich (geb. 1845), welches Mittags und Abends je nach der Schule die Briefe austrug». Dieses «Knäblein Heinrich» war auch künftig dem Postbetrieb sehr zugetan, durchlief eine steile Laufbahn und wurde - dies nebenbei -1893 dann zum eidg. Oberpostdirektor ernannt, welches Amt er bis 1909 versah und 1915 schliesslich verstarb.
Die Vermutung liegt nun recht nahe, dass seinerzeit Vater Lutz seinem «Knäblein Heinrich» nicht nur das Vertragen der Briefe, sondern wohl gelegentlich auch die Entgegennahme solcher übertrug. Es wäre denkbar, dass Vater Lutz aus diesem Grunde das Stempeln der Marken selber besorgte, weil er diese Aufgabe wohl kaum seinem Kinde auch schon überantworten durfte. Wahrscheinlich liegt in diesem Umstand der zeitlichen Überbeanspruchung eines Posthalters und seines noch minderjährigen Gehilfen der Ursprung für die schönen VE von Bühler, die seinerzeit wahrscheinlich als erste überhaupt entdeckt worden sind und die die Nachforschungen nach weiteren solchen Seltenheiten dann eingeleitet hatten.
Zurück nun zu den VE von Rorschach. Jene mit den eidg. Rauten habe ich beispielsweise in meinem Verkaufskatalog 1983 in vier Exemplaren (Rayons und Strubel) vorgestellt. Die waren und sind einigermassen klar. Im Bemühen nun, für diese VE die ersten Verwendungsdaten zu finden, bin ich vor einigen Monaten nun auf einen sehr wichtigen Brief gestossen, den ich einem sehr guten Kunden jedoch versprochen und auch geliefert habe. Es geht dabei um einen Brief von Rorschach nach Bremgarten, vom 2.1.1851, mit einer 16II, Stein A10, Type 19, und nun das Wesentliche daran: mit einem zentrischen St.Galler P.P. und dem Abdruck des «Kopfes» eines zweiten P.P.s, jedoch nicht auf den Brief übergehend. Angesichts der Sachlage mit diesen VE von Rorschach zur Rautenzeit war damit klar die Existenz derselben schon zur Zeit des P. P.s nachgewiesen. Eine Verfälschung war klar auszuschliessen.
Der Zufall wollte es nun, dass ich aus einem Archivposten weitere Stücke erwerben konnte, die diese Neuentdeckung voll bestätigen. Für sich allein genommen naturgemäss nicht immer mit der erwünschten Klarheit - zusammen betrachtet aber doch wohl eindeutig und klar. Sie finden diese Stücke in meinem Sammellos 738 des Honegger Kataloges 1990.
Und zwar:
© 2009 Honegger Philatelie AG, 8716 Schmerikon