Die spät verwendeten Zürcher Rosetten

Hier muss man erst einmal auf die normale Verwendungszeit der Zürcher Rosette hinweisen. Wie bekannt, wurden in Zürich (Stadt und Kanton) seit der Einführung der lMarken, also ab 1843, dieselben normalerweise mit der Zürcher Rosette entwertet. «Normalerweise» sage ich, weil es ja auch hier immer wieder Ausnahmen gegeben hatte. Lediglich in der Stempelfarbe (Rot für die Stadt (bis Feb. 1850), Schwarz für den übrigen Kanton) unterschieden sich die Stempel voneinander. Das war so bis zur Einführung der Rayons, am 1.10.1850. Auf dieses Datum hin wurde - und das kann man mit Dutzenden von Belegen nachweisen - die Zürcher Rosette eingezogen und durch das «Zürcher P.P.» ersetzt, das aber im ganzen Postkreis VIII (also damals auch noch in den Kantonen Thurgau, Schaffhausen und Zug) verwendet worden ist. Aus einem mir bisher nicht einleuchtenden Grunde (evtl., weil das P.P. bei den Leuten viel weniger «ankam» als die überaus beliebten Zürcher Rosetten!) wurde aber bereits nach dreieinhalb Monaten, um den 17.1.1851 herum, das P.P. im ganzen Kanton Zürich wieder eingezogen und erneut durch die altgewohnten Rosetten ersetzt! So kam oder kommt es, dass wir die (alten) Rosettenstempel in der Regel weniger auf dem ersten Druckstein der gelben Rayons (um einmal diesen als Beispiel zu nehmen) finden, sondern viel häufiger auf den «mittleren» Steinen, A2, A3, B, B1.

Dies dauerte bis zur gesamtschweizerischen Einführung der eidgenössischen Raute anfangs August 1851. Eigentlich hätte dies am 1.8. 51 überall im Land der Fall sein sollen. Es gibt namhafte Kenner der Materie, die sagen, dass die Einführung auf dieses Datum nicht mehr möglich gewesen sei und deshalb dann auf den 8. 8. 51 erfolgt wäre. Das ist aber hier nicht von Bedeutung. Wichtig für uns hier ist einzig zu wissen, dass im Kanton Zürich die Zürcher Rosette auf diesen Augustanfang hin überall hätte abgeliefert und durch die eidgenössische Raute ersetzt werden müssen. In der Regel ist dies auch überall so erfolgt und seit Jahrzehnten wurde diese Theorie denn auch als richtig anerkannt und demzufolge nicht selten Zürcher Rosetten auf späteren Drucksteinen der Rayons zum vornherein einfach als Stempelfälschungen abgetan.

Nun, ich habe nicht nur eigene Kenntnis davon, dass diese Zürcher-Rosetten-Stempel offensichtlich nicht ganz überall abgegeben worden sind, sondern ich habe mich dieser späten Verwendungsformen im Laufe der letzten 15 Jahre auch ein wenig angenommen. Natürlich findet man hier wenig bis gar kein Material! Leider. Dennoch sind einige Belege zusammengekommen, die meiner Ansicht nach aussagekräftig genug sind. Dabei muss erwähnt werden, dass diese Stücke (dienlich sind hier natürlich vorab die Briefe oder Briefstücke, die auch lokalisiert werden können, weshalb ich lose Marken nur andeutungsweise mit abgebildet habe) aus den verschiedensten Quellen stammen, teilweise aus Archiven.

Aufgetaucht sind in diesen Jahren bei mir solche Belege von Maur/Fällanden und Birmenstorf. Die echte Verwendung auf dem Brief kann in diesen Fällen als sicher angenommen werden. Vor allem auch der übergehende Zusatzstempel «CHARGE» ist natürlich sehr sehr hilfreich. Neulich hat mir auch ein Brief von Fällanden mit einer Rayon III vorgelegen, die diesen Abdruck selbst auf dieser Marke klar belegt. Sie ist ja erst im April 1852 herausgekommen und damit neun Monate nachdem dieser Stempel hätte zurückgegeben werden müssen! Auch bei diesem Brief besteht keinerlei Zweifel an derEchtheit.

Auch an diesem Beispiel bewahrheitet sich der Satz, dass es in der Philatelie eben nichts gibt, was es nicht gibt! Und lebhaft entsinne ich mich der Schilderung eines Sammlers, dem ich sehr viel persönlich in philatelistischer Hinsicht zu verdanken habe, dass er in den 50er Jahren dieses Jahrhunderts in einem kleinen Postbüro im Kanton Graubünden noch Stempel vorgelegt bekommen hätte, die an sich schon vor 60-70 Jahren hätten abgeliefert werden sollen! Vorschriften kann man eben erlassen für deren Durchführung muss man aber selber sorgen. Eine Erkenntnis, die für uns Philatelisten vor allem auch in Sachen Frankaturen, Abstempelungen oder etwa auch Halbierungen ja ganz und gar nicht etwa neu ist!

Schmerikon, 1986
Gottfried Honegger

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