Viele Sammler fühlen sich heute mit einer allgemeinen Alt-Schweiz Sammlung (alle Marken einmal, schön nach Katalog) überfordert. Die seltensten und damit auch teuersten Stücke scheinen unerschwinglich zu sein, weshalb sie dann gar nicht mehr den Versuch wagen, es innerhalb der Kantonalmarken zu einer ordentlichen Sammlung zu bringen. Dies scheint mir aus verschiedenen Gründen schade und bedenklich zu sein. Einmal sinkt die Zahl der Kantonalsammler auf diese Weise von Jahr zu Jahr. Auf der andern Seite ergibt sich eine Konzentration in jenen Bereichen, die für den Anfänger noch «billig» zu sein scheinen, wie dem Gebiete der Strubelmarken beispielsweise. Dort finden sich immer mehr Sammler, währenddem bei den Rayons und vor allem bei den Kantonals die Nachfrage nur unwesentlich zunimmt. Während sich beim einen Gebiet so etwas wie eine Warteschlange von Käufern oder zumindest Interessenten einstellt, müssen wir bei andern einen Mangel an Nachfrage feststellen. Klar, dass die Preise im ersteren Falle an jeder besseren Auktion sofort all zu hoch hinaufgetrieben werden, währenddem sie im letzteren auf einem viel zu niedrigen Niveau stagnieren. Mir scheint es die Aufgabe eines verantwortungsvollen Händlers zu sein, solche Missverhältnisse aufzuzeigen. Denn er hat von Berufes wegen die Kenntnisse oder den Überblick, solches festzustellen und andern weiter zu geben.
Die Frage stellt sich nun, wie man solche Fehlentwicklungen korrigieren kann. Einmal sicher damit, dass man in den qualitativen Forderungen bei den ersten Schweizer Marken vernünftige Massstäbe als Richtlinie heranzieht. Wenn heute jemand allen Ernstes noch verlangen will, dass eine Doppelgenf in der Sammlung von ganz genau gleich guter Qualität sein müsse wie ein moderner Pro Juventute-Satz, den wir von der Post erwerben können, der muss entweder sehr viel Geld zur Verfügung haben oder aber… er beweist, dass er von der Materie nur sehr beschränkte Kenntnisse hat. Für den Normalsammler, auf den wir uns hier einzig und allein beschränken wollen, wird es mehr oder weniger unmöglich sein, diese ersten Schweizer Marken in perfekter Qualität sich noch zu leisten. Es scheint mir aber unsinnig zu sein, solche Qualitätsforderungen bei diesen Stücken überhaupt anzubringen. Denn es ist nicht so ohne weiteres einzusehen, warum man nicht auch an einer etwas mangelhaften Doppelgenf seine Freude haben kann. Es scheint letztlich nämlich alles nur eine Preisfrage zu sein. In andern Ländern hat man gegenüber der Qualität bei den klassischen Marken ein viel unverkrampfteres Verhältnis - und das scheint mir selber auch durchaus richtig zu sein. Denn überspitzte Anforderungen treiben die Preise der (wenigen noch erhalten gebliebenen) Luxusstücke über Gebühr in die Höhe, währenddem die Notierungen der mangelhaften Marken stehen bleiben oder gar fallen. Das ist auf jeden Fall unerwünscht und ungesund für ein Sammelgebiet! Es scheint mir viel weniger im Sinne der (wenigen) Händler zu sein, die sich in diesem klassischen Gebiet heute überhaupt noch betätigen, als vielmehr in jenem der zahllosen Sammler, die über solche alten Marken in nicht immer hervorragender Qualität verfügen, wenn man auch für diese 2. oder 3. Qualität eine vernünftige Bewertung und Präsentationsmöglichkeit fordert.
Um dieser Problematik auszuweichen, haben sich viele Sammler in den letzten Jahren darauf verlegt, eine Heimatsammlung anzufangen. Darunter versteht man, in wenigen Worten zusammengefasst, das Zusammentragen der Marken, vor allem aber der Abstempelungen eines Kantons, eines Bezirkes, eines Tales oder auch nur einer einzigen Stadt oder Ortschaft. Das scheint mir ein sehr gängiger Weg zu sein, wie man klassische Sachen heute noch sammeln und ausstellen kann. Und dies selbst dann, wenn dieses Vorhaben an sich aus finanziellen Erwägungen eigentlich gar nicht erst begonnen werden sollte. Heimatsammlungen haben den grossen Vorteil, dass sie an sich kaum je eigentliche Lücken aufweisen. Man sammelt ja nicht nach Katalog und «benötigt» deshalb nicht unbedingt ganz bestimmte Nummern. Man kann sammeln, was man sich leisten kann, was einem gefällt oder was man findet. Soweit, so gut. Nur ist genau an diesem Punkt vor einer Gefahr zu warnen! Solange es sich wirklich um eine Kantonssammlung oder zumindest eine Sammlung der Entwertungen eines ganzen Bezirkes handelt, ist in den meisten Fällen alles in Ordnung. Viele Leute möchten sich aber beschränken und suchen dann lediglich die Abstempelungen nur einer einzigen Ortschaft! Falls es sich dabei um eine grössere Ortschaft oder eine Stadt handeln würde, wäre gar nichts einzuwenden. Bei kleineren Orten hingegen «funktioniert» diese Art des Sammelns leider nicht mehr. Aus Kostengründen wählt man ein möglichst kleines Sammelgebiet aus und merkt nicht, dass man damit viel zu wenig Material findet. Mit einigen wenigen Stücken pro Jahr ist kaum ein Sammler noch glücklich und er bringt es auch kaum je zu einem Gebilde, das man wirklich noch «Sammlung» nennen kann. Überdies läuft er grosse Gefahr, alles, was er angeboten erhält, auch kaufen zu "müssen". Denn wenn er aus den wenigen Sachen, die er finden kann, auch noch eine Auswahl treffen möchte, so bliebe letztlich noch weniger für die Sammlung übrig! Der eigenen Sammlung scheint es mir deshalb sehr dienlich zu sein, ein möglichst umfassendes Sammelgebiet zu pflegen. Auf diese Weise wird man sehr viele Sachen finden oder angeboten erhalten und damit überhaupt auch erst eine eigentliche Auswahl treffen können. Sei dies nun qualitativ oder preislich oder bedarfsmässig. Ein grosses Sammelgebiet wird sich in jedem Falle als interessanter und wahrscheinlich aus den erwähnten Gründen auch als «billiger» erweisen, weil man nun nicht mehr «gezwungen» ist, zu nehmen, was man findet oder angeboten erhält.
Bliebe lediglich noch anzufügen, dass es heute kaum noch aktive Sammler für die Entwertungen der grösseren Schweizer Städte gibt! Wenn man bedenkt, welchen unwahrscheinlichen Variantenreichtum man in den Entwertungen von Bern, Zürich, Basel, Lausanne, Genf, St. Gallen, Winterthur usw. finden kann, so muss man wirklich bedauern, dass es heute allzu viele Sammler versäumen, sich eine solche Stadt zum Sammelziel auszuwählen. Statt dessen plagt man sich sozusagen ein Leben lang mit den Stempeln einer einzigen Ortschaft, wenn möglich in einem entlegenen Bergtal ab, von welchen Einwohnern man an sich genau weiss, dass sie des Schreibens damals mehr oder weniger noch gar nicht mächtig waren! Schade! Unsere Ausstellungen würden lebendiger und «farbiger», wenn man vermehrt das wieder interessant zu präsentieren vermöchte, was an sich genügend vorhanden ist und man zu durchaus vernünftigen Preisen auch bekommen kann. Möchten Sie hierin nicht einen Versuch wagen? Sehr gerne weise ich Sie auf Städte, Bezirke oder Kantone hin, deren Entwertungen derzeit nicht oder kaum gesammelt werden. Auch dies wiederum im Bemühen, Sie nicht zu jenen Sammelgebieten zu führen, deren Preise heute ohnehin übersetzt sind, sondern Ihnen aufzuzeigen, was derzeit unterbewertet ist und zu absolut vernünftigen Preisen noch zu haben wäre.
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