Poste Locales ohne Kreuzeinfassung mit Rosetten von Pfyn

Rein geschäftspolitisch wäre es sicher sehr viel klüger, als Titelbild ein richtiges «Zugpferd» zu wählen. Eine Marke also, die jedes Kind kennt und nach der «alle Welt» verlangt. Ein schön gestempeltes «Strubeli» vielleicht oder eine nette Basler Taube! In Tat und Wahrheit ist es so, dass ich seit Jahren eine ganz herrliche Basler Taube, die ich sehr gerne als Titelbild einmal auf einem meiner kleinen Kataloge gebracht hätte, hinausschiebe. Und zwar keineswegs, weil das Stück zu wenig schön wäre (es ist ein «traumhaftes» Stück!), sondern einfach, weil ich die Vorstellung einer vernachlässigten Nummer oder eines in der Beliebtheitsskala zurückgebliebenen Gebietes rein philatelistisch für gebotener halte. Die «berühmten» Marken verkaufen sich von alleine! Jene aufzuzeigen, die preislich noch zurückgeblieben sind, erachte ich hingegen als eine meiner Aufgaben als Händler und damit Berater zahlreicher Sammler. Es bringt wenig, wenn man teure Marken immer noch teurer macht und dem breiten Sammelgebiet unvergleichlich viel mehr, wenn man jene Gebiete aufzeigt, die noch - oder immer noch - billig sind.

An sich müsste man diese Poste Locale ohne Kreuzeinfassung wohl auch eher zu den «vernachlässigten» Nummern im Alt-Schweiz-Bereich rechnen. Für die meisten Sammler ist sie dermassen selten und hoch im Katalog, dass sie gleich von Anfang an (leider) ausgeklammert wird! Genauso, wie die Rayon II und I hellblau mit vollständiger Kreuzeinfassung etwa. Ich finde dies bedauerlich. Allerdings sind die Gründe dafür, dass dies in weiten Kreisen so gehandhabt wird, durchaus auch verständlich! In der Schweiz haben wir wohl all zu lange uns die höchstmögliche Qualitätsstufe als Richtschnur genommen. Jeder, der diese Norm nicht zu erfüllen vermochte, wurde bei den Jurierungen der Ausstellungen dafür insofern "getadelt", als er mit seinem Objekt vollkommen unmöglich noch auf «einen grünen Zweig» kommen konnte. Wobei man ehrlicherweise auch zugeben muss, dass für die meisten grösseren Sammler ein «grüner Zweig» halt doch schon ordentlich viel goldenes Laub tragen muss, um überhaupt als ehrenvolle Auszeichnung noch angenommen und akzeptiert zu werden! Auch dies halte ich nicht für sehr geschickt. Immerhin können wir an der Tatsache nicht vorbeisehen, dass ein sehr gutes Stück einer unserer seltensten Schweizer Marken - das Beispiel der Poste Locale ohne Einfassung mag hier durchaus als geeignetes Beispiel dienen - heute preislich in einer Grössenordnung von etlichen zehntausend Franken liegt. Ein Grossteil der Sammler scheidet deshalb als mögliche Interessenten dafür leider aus! Und wenn man mit mangelhaften Stücken bisher an Ausstellungen kein Lob, sondern höchstens Abzüge ernten konnte, so verloren diese Nummern generell eben ihren Sammelreiz! Mir scheint, dass damit eine sehr gefährliche Entwicklung für unser gemeinsames Hobby der Alt-Schweiz-Sammlerei begonnen hat! Wenn wir uns zudem in der Welt umsehen, so wird man recht bald einmal feststellen, dass man wohl in keinem andern Land dermassen hohe Ansprüche stellt, dermassen strenge Beurteilungen in den Attesten vornimmt und dass man demzufolge die Preise für die wirklich wenigen noch vorhandenen Luxusstücke zwangsläufig immer noch höher hinaufschraubt, wo sie natürlich ebenso folgerichtig für immer weniger Leute noch in Frage kommen können.

Es kann keine Rede davon sein, dass es mir darum geht, die Luxusstücke irgendwie schlecht zu machen oder aber für Gefälligkeitsatteste zu plädieren, in welchen echte Mängel verschwiegen werden und die damit mehr oder weniger wertlos sind. Natürlich kaufe und handle ich auch viel lieber eine gute und teure Marke, als eine schlechte und billige. Aber wenn man einmal an einen Punkt kommt, wo man nur noch entweder eine sehr gute Marke zu einem sehr guten Preis oder dann ein Stück selbst mit geringen Mängeln nur noch zu einem «Schundpreis» verkaufen kann, so dünkt mich, dass man die Weichen neu stellen müsste. Denn ob «morgen» noch Luxus ist, was man heute als dies ansieht, steht auf einem ganz andern Blatt geschrieben! Ich meine, dass wir bald die Voraussetzungen dafür schaffen müssten, dass auch ein kleiner oder mittlerer Sammler sich wieder dem ganzen Alt-Schweiz-Bereich zuwenden kann. Dass er also durchaus Lob auch dann ernten kann, wenn er die teuersten Stücke sich nur in minderer Qualität (meinetwegen auch repariert) leisten kann. Er sollte in meinen Augen für die Tatsache an einer Ausstellung Lob ernten können, dass er überhaupt alle Nummern zeigen will und zeigen kann, und nicht Tadel dafür, dass die Qualität bisweilen (wohl vor allem bei den seltensten Stücken) zu wünschen übrig lässt. Die Folge davon wäre sicherlich die, dass die Bewertungen der Generalsammlungen Alt-Schweiz im Gegensatz zu Spezialsammlungen nur eines begrenzten Sammelgebietes oder einer Heimatsammlung weniger streng vorgenommen werden müssten. Ein Zehnkämpfer soll - um ein Beispiel aus dem Sportbereich zu wählen - also nicht mit derselben Skala gemessen werden, wie ein reiner 100 Meter Sprinter in seiner Spezialdisziplin. Oder anders ausgedrückt: es sollten künftig nicht mehr alle Sammlungen «in einen Topf» geworfen und mit demselben Medaillensatz ausgezeichnet werden. Das Niveau der generellen Alt-Schweiz-Sammlungen wird dadurch - das müssen wir ganz offen sagen - künftig wahrscheinlich etwas fallen. Hingegen scheint mir dies durch die Tatsache mehr als nur aufgewogen zu werden, dass künftig wahrscheinlich wieder viel mehr Sammler sich überhaupt wagen, Kantonals auszustellen! Und jeder, dem diese ersten Schweizer Marken irgendwie am Herzen liegen, wird wohl sofort zugeben, dass dies das vordringlichste Ziel für uns alle sein müsste, die wir einen markanten Schwund an «grossen Alt-Schweiz-Sammlern» in irgendeiner Form beklagen. Erst, wenn wieder einmal eine breite Sammlerschaft herangerückt ist, wird man von neuen Sammlungen auch sprechen können. Bis es soweit ist, müssen wir die relativ wenigen hoch in Ehren halten, die heute noch ausgestellt werden! Denn es ist leider eine Tatsache, dass heute wohl die allermeisten Käufe bei den ersten Schweizer Marken in irgendwelche Banksafes - und nicht in Ausstellungsrahmen - wandern! Und wenn die Vorbilder an den Ausstellungen für neue Sammler fehlen, wird bald auch der Sammlernachwuchs fehlen.

Wenn grosse Philatelisten behaupten - und nun komme ich auf mein diesjähriges Titelbild zurück -, dass die Poste Locale ohne Kreuzeinfassung die seltenste Marke der Schweiz darstelle, so mag dies einiges auf sich haben. Jedenfalls ist sie in guter Erhaltung wirklich nur sehr selten zu finden und kommt bisweilen während Jahren kaum mehr auf den Markt. Ein Massstab für die Seltenheit einer Marke bildet in der Regel immer auch das Vorhandensein von Briefen. Zählen Sie doch einmal die Ihnen bekannten Briefe mit dieser Zumstein-Nummer 14II! Sie werden es kaum für möglich halten: das sind alles Weltraritäten!

Dass nun diese "seltenste" Schweizer Marke auch noch zusammen mit einer der seltensten und berühmtesten Abstempelung, die wir in der Schweiz kennen, vorkommt, hat mich selber immer fasziniert! Ich habe diese Kombination der Poste Locale ohne Kreuzeinfassung mit der Rosette von Pfyn seit Jahren besonders verfolgt und beachtet und davon im Laufe der Jahrzehnte immerhin vier Stück angeboten gefunden.

In der legendären Sammlung Burghard, in welcher sich eine fast vollständig rekonstruierte Typentafel der Nummer 14II befand, konnte man gleich zwei Stücke mit dieser überaus seltenen Rosette von Pfyn finden: einmal die Type 2, bei welcher es sich um die rechte Marke meines Titelbildes handelt, und dann die Type 40. Weiter befindet sich ein Stück (Type 1 wahrscheinlich) in einer sehr grossen Sammlung in der Westschweiz. Und das vierte Stück schliesslich, eine Type 13, sehen Sie als linke Marke in meinem Titelbild.

Jedes dieser Stücke hat sozusagen einen «Stammbaum», den zu verfolgen hier - wie bei andern prominenten Alt-Schweiz-Raritäten - sehr reizvoll sein kann. Nicht immer aber lieben es die Besitzer, wenn man über deren Marken sozusagen «öffentlich plaudert». Aus diesem Grunde soll dies hier nicht geschehen. Immerhin sei der Hinweis noch erlaubt, dass ursprünglich beide Marken meines Titelbildes sich in amerikanischen Sammlungen befunden haben (in einem Falle während mindestens 70 Jahren!). Auch wenn es für viele Sammler hier bei uns bedauerlich sein mag, dass grosse Raritäten oft während Jahrzehnten ins Ausland wandern, so sollte es uns alle auf der andern Seite doch mit einer gewissen Befriedigung erfüllen, dass unsere klassischen Marken sich auch im Ausland einer dermassen grossen Wertschätzung erfreuen. Das kann man noch lange nicht in jedem Land von dessen philatelistischen Schätzen sagen! Und wenn dies gelegentlich einmal nicht mehr in demselben Masse der Fall zu sein und die Kauflust der Ausländer abzunehmen scheint, so ist dies - bei genauerem Hinsehen - einzig und allein auf den stark gestiegenen Franken (oder die gefallene Auslandswährung!) zurückzuführen! Wenn sich die Paritäten wieder einmal ändern, wird sicherlich auch die Nachfrage aus diesen Gebieten sofort wieder zunehmen. Und bis es soweit ist, können und sollten wir uns an jenen Stücken freuen, die wir ganz genau aus diesen Gründen wieder einmal hier bei uns zu Gesicht bekommen!

Ein Nachsatz zum Schluss: ob diese berühmte Rosette von Pfyn auch wirklich von Pfyn stammt, scheint mir selber nicht so ganz über alle Zweifel erhaben zu sein! Der einzige Brief, den ich mit einem solchen Stempel kenne und der erst in diesem Jahre an einer grossen Auktion versteigert worden ist, trug nämlich den Nebenstempel «Ossingen»! Ob also die «Rosette von Pfyn» und auch jene von Ossingen allenfalls beide von Ossingen stammen oder nicht, scheint mir aber einigermassen nebensächlich zu sein. Jedenfalls ganz sicher für die Wertzumessung und die Würdigung als eine der berühmtesten und seltensten Entwertungen der Schweiz!

Schmerikon, 12. November 1988 G. Honegger

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