Spät verwendete P. P.-Stempel

Mein Artikel im Alt-Schweiz-Katalog 1986 über die spät verwendeten Zürcher Rosetten findet eine unerwartete Fortsetzung! Anlass dazu ist mein Los 482 aus diesem Alt-Schweiz-Katalog 1989, das ich vor einiger Zeit erwerben konnte. Für mich war dieses eher unscheinbare Briefchen wieder einmal ein Beispiel dafür, dass man überlieferte Theorien - auch wenn sie jahrzehntealt sind - nicht einfach blindlings übernehmen soll. Eine richtige Theorie müsste - so meine Meinung - auch einer Überprüfung mit umfangreichem Dokumentationsmaterial standhalten können.

Leider erleben wir es immer wieder in der klassischen Schweizer Philatelie (und in andern Ländern ist es darum keineswegs etwa besser bestellt!), dass viele, ja, überhaupt die meisten Eckdaten, an welchen wir uns orientieren, nicht oder jedenfalls nur schwer einsehbar aufgezeichnet sind. Wenn uns heutigen Philatelisten eben Fragen zu den verschiedensten Themen unter den Nägeln brennen, wenn wir Genaueres wissen möchten über die Ausgabedaten, die Herstellungsweisen, Druckaufträge, Probedruck-Vorlagen, ja, auch nur zu blossen administrativen Daten wie jenen des Versandes der Marken an die Kreispostdirektionen, Gültigkeitszeiten oder Frankaturtolerierungen, Stempelausgabedaten und -vorschriften, so können wir dies nicht einfach irgendwo in einem Buch nachlesen, sondern sind entweder auf unzählige einzelne Postverordnungen angewiesen oder aber eben auf die Überlieferungen unserer alten Markenkenner. Von denen - das ist leider anzufügen - die meisten die im Laufe eines Sammler- oder Prüferlebens erarbeiteten Kenntnisse entweder mit sich ins Grab genommen haben oder aber (meist mangels geeigneter Publikationsmöglichkeiten) ganz einfach auch heute noch für sich behalten! Der philatelistischen Nachwelt geht dadurch ein enormes Wissen verloren - oder aber dieses Wissen muss ständig wieder neu erarbeitet werden. Sei dies nun durch neue Prüfer, Sammler oder auch Händler; was selbstredend interessant und ungemein förderlich für die eigene gedankliche Betätigung in dieser Materie sein mag, aber einen letztlich nur in seltenen Fällen weiter zu bringen vermag, als irgend jemand vor einem bereits einmal mit seinen eigenen Studien gewesen ist! Nehmen Sie diese Zeilen deshalb vor allem auch als Ausdruck meines eigenen Wunsches, das philatelistische Schrifttum nach besten Möglichkeiten zu fördern. Unterstützen Sie solche Anstrengungen in Ihrem eigenen Kreise, so gut Sie dies vermögen. Jene Franken, die man selber in die diesbezügliche Fachliteratur investiert, sind mit grosser Wahrscheinlichkeit die bestinvestierten Franken Ihrer ganzen Sammlung!

Zurück zu den «ausserplanmässigen» P.P.-Entwertungen! Wenn ich in meinem 86er Katalog schon zahlreiche Beispiele für spät verwendete Zürcher Rosetten angeführt hatte, so müsste man an sich logischerweise folgern, dass dies ohne weiteres auch für die «Zürcher» P. P.s gelten müsste. Genauer müsste man hier an sich von den P. P.s des VIII. Postkreises sprechen. Denn in diesem, nämlich den Kantonen ZH, TG, SH und in einzelnen Fällen wohl auch ZG waren diese verbreitet. (Vergleichen Sie dazu mein Los 575 dieses Kataloges! Beim bekannten P.P. von Zug hingegen handelt es sich insofern um ein «anderes» P. P., als die beiden Buchstaben dermassen weit auseinander stehen, dass man versucht ist, eben von einem «Zuger P. P.» zu sprechen und es deshalb eigentlich von jenen des Postkreises VIII, die ja alle mehr oder weniger ähnlich sind, abgrenzt.)

Dieses Los 482 (vom 7. Juni 1853 von Langnau a. Albis nach Affoltern a. Albis) nun ist zweifelsfrei und unverdächtig. Man muss hier einfach beifügen, dass man in Langnau a. Albis dieses P. P. aus irgend einem Grunde nicht vorschriftsmässig zurückgegeben hatte. Daraus würde an sich wohl folgen, dass man dort wahrscheinlich in jener Zeit deshalb auch keine eidgenössische Raute erhalten hatte und verwenden konnte. Jedenfalls sind mir solche Briefe nicht bekannt. Allerdings könnte man sich selbst den Fall vorstellen, dass diese eidgenössische Raute dennoch abgegeben worden ist und dass man einfach das P. P. nicht zurückerhalten hatte.

So kommt es, dass wir mitten in der Verwendungszeit der eidgenössischen Raute drin plötzlich wieder - oder genauer: immer noch - P. P.-Entwertungen vorfinden, die keineswegs auf Stempelfälschungen zurückzuführen sein müssen. Das Beispiel Langnau beweist dies. In meiner Erinnerung habe ich ferner einen Brief von Bauma mit einer roten Rayon (grosse Wertziffer) und einem sattschwarzen Zürcher P. P. Damals hatte ich mir noch keine Aufzeichnungen gemacht. Die Verwendung frühestens ab 1852 ist hingegen wegen der Ausgabe der Rayons III erst gegen Ende April 1852 völlig klar.

Vielen Sammlern sind überdies wohl die herrlichen blauen P. P.s von «Münchweilen» bekannt, wie die Ortsbezeichnung damals noch lautete. Diese finden wir ohne weiteres oder sogar vor allem auch noch auf den ersten Strubel-Ausgaben.

Hatte man früher das Ausgabedatum der eidgenössischen Raute auf den 1.8.1851 festgelegt und dieses Datum überliefert, so bin ich selber heute davon überzeugt, dass dieser Termin entweder nicht - oder dann nicht in allen Fällen - stimmen kann. Etliche Beispiele zeigen klar und ebenso unverdächtig auf, dass man ab dem 1. August 1851 keineswegs in der ganzen Schweiz schon über diese Raute verfügt hatte. Auch dazu finden Sie in meinem 89er Katalog ein Beispiel: Los 169 vom 6. August 1851!

 

Es wäre der Forschung in diesem Bereich sicherlich ganz dienlich, wenn man diese ersten Verwendungsdaten der verschiedenen Stempel künftig noch etwas genauer ergründen würde. Sollten Sie selber über Frühdaten der eidgenössischen Raute oder aber Letztdaten der früheren Stempel oder meinetwegen auch über Daten von spät verwendeten Stempeln analog des Briefes von Langnau verfügen, so würde ich mich dafür interessieren, diese aufzuzeichnen und allenfalls eines Tages in einem Aufsatz zu publizieren.

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