Stiefkind im Alt-Schweiz Bereich: die Genfer Ganzsachenausschnitte

Seit Jahren fristen die Zumsteinnummern 07, also die Genfer Ganzsachenausschnitte, ein recht kümmerliches, unbeachtetes Dasein. Völlig zu unrecht, wie ich meine. Die Begründung werde ich gerne noch liefern. Zunächst aber vielleicht eine Darstellung, wie es zu diesen Ganzsachenausschnitten überhaupt gekommen ist.

Im Jahre 1846 führte die Genfer Postverwaltung eine besondere Dienstleistung ein. Sie gab drei (evtl. gar vier) fertige Briefumschläge in verschiedenen Formaten heraus, in welchen oben rechts die Briefmarke zu 5 Centimes bereits eingedruckt war. Man konnte einen Brief also nur noch einstecken und einwerfen und musste dafür nicht mehr auf dem Postamt die Marke eigens erwerben.

Im "Mirabeau und Reuterskjöld" können wir nachlesen, dass insgesamt 40000 solcher Umschläge in allen drei Formaten durch die Post bestellt worden waren, die zum Preise von 5 Centimes pro Stück oder 50 Centimes pro Paket zu 10 Ganzsachen ans Publikum abgegeben worden waren.

Nun ist es kein Geheimnis, dass diese fertig frankierten Umschläge keinen Gefallen bei der Bevölkerung fanden. Um der Herstellungskosten nicht verlustig zu gehen, beschloss die Genfer Post gut drei Jahre später, wohl auf den 1.6.1849, die Markeneindrucke eigenhändig aus den Ganzsachenumschlägen auszuschneiden und anstelle von normalen Wertzeichen am Schalter abzugeben und demzufolge als ganz normale Briefmarken zu verkaufen und zu verkleben. Aus genau diesem Grunde kann man das Argument nicht gelten lassen, hier hätte man es eben mit "Ganzsachen" zu tun, die in einer normalen Sammlung nicht unbedingt vonnöten wären. Weil diese Ganzsachen nach einigen Jahren postalisch ausgeschnitten und als normale Marken verwendet worden sind, haben wir es hier zumindest auch mit einer normalen Genfer Kantonalmarke zu tun, die in jede Alt-Schweiz-Sammlung gehört!

Ich kann mir sehr wohl vorstellen, warum diese Ganzsachen wenig Sympathie fanden. Einmal wurden sie zu 5 Centimes abgegeben, währenddem die normalen, damals gültigen und im Verkauf stehenden Marken, die Genfer Adler, zwar auch den Werteindruck "5 Centimes" trugen, jedoch zu lediglich 4 Centimes am Schalter verkauft wurden. Für die Ganzsachen bezahlte man also einen Centime oder aber 25% mehr als für die Frankatur alleine. Dafür war der Briefumschlag mit im Preis inbegriffen. Aber genau dies war wiederum eher hinderlich als förderlich. Denn wenn wir das Aussehen des damals gebräuchlichen Briefformulares ansehen, so merken wir, dass fast ausschliesslich Faltbriefe verwendet worden waren. Man hatte grosse Briefbogen, die man nach der einseitigen Beschriftung zusammenfaltete, dergestalt, dass der Text innen zu liegen kam. Diese gefalteten Briefe wurden rückseitig in irgend einer Form versiegelt und benötigten deshalb gar keinen Umschlag mehr für die Adresse. Denn diese wurde gleich vorderseitig auf dem gefalteten Briefbogen angebracht. Es dauerte noch etliche Jahre, bis sich die Leute daran gewöhnten, Briefumschläge (wie wir diese heute verwenden) und nicht mehr Faltbriefe zu versenden. Warum also 25% mehr auslegen, wenn es einfacher und billiger auch ging und man sich erst noch daran zu gewöhnen hatte?

Erfreulich an diesen Ganzsachenausschnitten ist die ordentlich grosse Anzahl von möglichen Entwertungen. Leider findet man auch in grossen und grössten Sammlungen bisher davon aber nur wenige Stücke. Vorab auf Briefen zählen diese Ganzsachenausschnitte zu den grossen Seltenheiten der klassischen Schweizer Philatelie. Verwechseln Sie dabei nicht die gestempelten Ganzsachen mit den auf einem Brief verwendeten Ganzsachenausschnitten! Erstere sind allerdings noch seltener, davon aber ein andermal mehr. Ist es nicht einigermassen verwunderlich, dass ich Ihnen problemlos 10 x mehr Basler Tauben anbieten könnte, als gestempelte Ganzsachenausschnitte? Schauen Sie sich aber das Preisverhältnis zwischen diesen Nummern an! Da kann doch irgend etwas nicht ganz stimmen! Es wäre wünschenswert, wenn sich viele Sammler dies zunutze machen und diese sicherlich noch arg vernachlässigte Nummer 07 vermehrt beachten und erwerben würden. Wenn möglich mit verschiedenen Entwertungen und vor allem auch auf Brief. Falls man qualitativ nicht übermässig hohe Ansprüche stellt, kann man heute durchaus noch etwas auftreiben an gestempelten Exemplaren oder solchen auf Brief. Es bedürfte aber ganz sicher kaum zehn Sammler, die den Willen haben, möglichst viele verschiedene Entwertungen hier zusammen zu tragen und auf dem Markt wären bereits keine der besseren oder gar seltenen Entwertungen auf dieser Nummer mehr zu finden! Das scheint eine keinesfalls unerschwinglich teure, aber sehr interessante Perspektive für einen engagierten Alt-Schweiz-Sammler zu sein für die kommenden Jahre!

Und ein Quervergleich der Häufigkeiten unter allen Genfer Adlern (also Zumsteinnummern 5, 6, 7 und 07) zeigt ganz klar und deutlich, dass die Nummer 07 mit Abstand am seltensten zu finden ist. Wesentlich seltener als der dunkelgrüne Adler, ganz zu schweigen von den beiden anderen!

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