Ungebrauchter Fünfzehnerblock des kleinen Genfer Adlers

Für einmal habe ich das Titelbild nicht aus den für den Verkauf bestimmten Beständen ausgewählt. Das hätte vor allem auch die Qual der Wahl gebracht! Überdies gibt es zwei Gründe, die mich von der zunächst vorgesehenen Nummer 998 zu obigem Stück wechseln liessen. Erstens einmal hat diese doch schon fast unwirklich scheinende Einheit eine Beziehungzu mir selber, zu meinem Geschäftsjubiläum. Zwar nicht zu den zwanzig Jahren als Berufsphilatelist, sondern zu den gut 25 Jahren seit der Aufnahme einer philatelistischen Verkaufstätigkeit, etwa 1959/1960. Damals versuchte ich - wie so mancher Sammler zuvor!- das kärgliche Taschengeld eines Seminaristen durch den Verkauf einiger Briefmarken aus der eigenen Jugendsammlung etwas aufzupolieren. Und in genau jenen Jahren muss auch die Begebenheit mit obigem Block passiert sein, die uns im «A propos Alt-Schweiz» so herrlich lebendig geschildert wird! Damals räumte ein Herr einen Schreibtischaufsatz auf. Eine Art von Sekretär mit herunterklappbarer Vorderwand, die dann gleichzeitig als Schreibfläche diente. Im Innern befanden sich zahlreiche, in kunstvoller Handarbeit gestaltete und mit Holzeinlagen verzierte Tablare und Schubladen und ausserdem zuunterst . . . so etwas wie ein verstecktes Geheimfach. Wohl zur Aufbewahrung einiger Wertsachen, wie man dies früher ja recht oft mit den «doppelten Böden» bei Schreibkommoden oder Sekretären kannte! Darin fand sich nun, um es kurz zu machen, der besagte Fünfzehnerblock des kleinen Genfer Adlers, wo er zweifelsohne auch die letzten 115 Jahre, seit der Herausgabe - im Jahre 1845- gelegen haben wird! Es handelt sich dabei um ein Blockstück aus der rechten oberen Bogenecke des 100er Bogens mit oberem und rechtem Bogenrand.

Nun, ob der glückliche Finder von damals selber dann auch Berufsphilatelist (oder wohl eher Antiquitätenhändler?) geworden ist, weiss ich nicht. Selten schön wird an dieser wahren Geschichte einem aber bewiesen, dass es auch heute in der Tat immer noch « Wunder» geben kann - auch in der Philatelie! Auch wenn man nun nicht mit Meissel und Hammer sämtliche alten Möbelstücke bei sich und allen noch lebenden Verwandten in ihre Bestandteile zerlegen sollte, so meine ich, dass man ähnliche Entdeckungen philatelistischer Art durchaus auch heute noch erleben kann. Und das Entscheidende daran: jedermann kann sie an sich machen, wenn er sich nur ein wenig mit der Materie befasst und sich in ein Gebiet vertieft! Sie werden natürlich fragen, wie dies denn zugehen soll. Die Antwort ist relativ einfach: indem er sich bemüht, bisher aus irgend einem Grunde vernachlässigte Gebiete zu entdecken und zu sammeln und, indem er versucht, sich in einem oder einigen Bereichen wirklich fundiert zu orientieren und auszubilden. Natürlich hat dies viel mit eigenem Willen, eigenem Einsatz zu tun und sehr oft wird man auf die Dienstleistung der - nicht sonderlich häufigen- Kenner angewiesen sein. Man kann diese Hilfeleistung heute auch nicht mehr überall als selbstverständlich voraussetzen. Viele Kollegen an der Verkaufsfront sehen ihre einzige Aufgabe in der reinen Warenvermittlung und messen der Beratung und schon gar dem eigenen Studium überhaupt keine Bedeutung mehr zu. Das ist bedauerlich, verhindert eine solche Haltung langfristig doch wohl auch das Zustandekommen einer neuen und informierten Sammlerschaft im Bereiche der klassischen Schweizermarken! Und genau diese braucht es heute mehr denn je!

Dabei wären wir schon beim zweiten Grund, warum dieses Blockstück als geeignet für das diesjährige Titelbild erschienen ist. Ich möchte Sie, verehrte Leserinnen und Leser, damit auf den Umstand hinweisen, dass die ungebrauchten Alt-Schweiz Marken heute sicherlich als preislich noch stark zurückgeblieben eingestuft werden können! Ich möchte Ihnen also damit konkret ein Gebiet aufzeigen, das heute ganz sicher nicht als überbewertet gelten muss. Wissen Sie, es ist viel viel leichter, den Sammlern Sachen zu verkaufen, die überall gesucht und die überall sehr teuer sind. «Alle Welt» weiss dann, dass diese Sachen gut gehen und alle meinen, es müsste immer dabei bleiben! Das kann so sein, muss aber nicht. Wir haben dies mit den unglaublichen Überbewertungen an Auktionen Ende der 70er Jahre erlebt, dass die Bäume auch in der Philatelie eben nicht in den Himmel wachsen. Vor allem dann nicht, wenn nicht mehr die Sammler, sondern die reinen Investoren das Sagen haben. Und ich meine, dass es gut so sei, dass hier eine Korrektur stattgefunden hat und dass man aus diesem Grunde heute wieder von gesunden Verhältnissen auf einem soliden preislichen Fundament sprechen und unübersehbare Anzeichen eines langsamen, aber erneuten Aufschwunges registrieren darf. Ich sehe meine Aufgabe also nicht darin, Ihnen aufzuzeigen, welche Marken nun sehr gut gehen, und so oder so teuer sind. Mir scheint es sinnlos zu sein, jemandem die Abstempelungen ausgerechnet eines Kantons zusätzlich noch ans Herz zu legen, aus welchem Gebiet sich ohnehin schon zahlreiche Kunden «in den Haaren liegen». Das würde zwar in jenen Gebieten zu nochmals gesteigerten Preisen und allenfalls sogar Rekorden führen (welcher Auktionator wäre nicht ein wenig stolz darauf; die absolut höchsten Preise eines Gebietes erzielen zu können!?), aber der Tatsache müsste doch ins Auge gesehen werden können, dass diese Hausse auch einmal zu Ende gehen könnte, wenn der eine oder andere Sammler - aus irgendwelchen Gründen auch immer- ausfallen würde. Denn dann wäre ein Preiszusammenbruch vorprogrammiert. Und Preisstürze werden nun halt leider Gottes in der Regel von den Sammlern fast nie als Kaufgelegenheiten aufgefasst (wie dies ein sachkundiger Händler tun wird!), sondern als Grund zu eigener Panik und für eigene Verkäufe! Das bringt Enttäuschungen und Enttäuschungen schaffen sicher keine neuen Sammler! Die Konsequenz daraus: allzu grosse Preissteigerungen erfreuen einen in der Regel nur sehr kurzfristig. Briefmarkensammeln sollte aber in jedem Falle eine langfristige Beschäftigung darstellen. Und langfristig ist allen - den Händlern wie den Sammlern!- deshalb viel viel mehr mit einer langsamen, kontinuierlichen Preisentwicklung gedient! Dabei mögen die Preise einmal einige Jahre gehalten werden und sich mit leichten Erhöhungen ablösen. Katalogpreise sind hier ja ohnehin völlig nebensächlich, denn bei den klassischen, ungezähnten Marken hat jedes Stück ja - im Gegensatz zu den späteren gezähnten Marken! (von Stempelseltenheiten natürlich abgesehen) - seinen eigenen Preis, der bei Luxusstücken höher als der Katalogpreis liegen kann, bei mangelhaften Marken aber auch viel viel tiefer.

Auf diese ungebrauchten Alt-Schweiz-Marken möchte ich Ihre Aufmerksamkeit gerne in den kommenden Jahren ein wenig lenken. Es isf nicht nötig, dass Sie gleich mit den «grossen Brocken» beginnen. Aus verschiedenen Quellen stehen mir derzeit aber zahlreiche Sachen zur Abgabe zur Verfügung, die Sie teilweise in diesem Katalog aufgeführt finden. Und vergessen Sie eines nicht: diese Stücke sind gelegentlich bis zu 100x seltener als die gleichen gestempelten Werte! Vergleichen Sie dazu aber doch bitte einmal die Verhältnisse bei den Preisen! Sie werden sofort bemerken, dass hier noch ein grosser Nachholbedarf vorliegt. Einige Nummern sind ohne weiteres ab und zu noch zu finden, andere kann man alle 10 oder 20 Jahre einmal irgendwo angeboten sehen. Ob man dann das Stück auch noch bekommen kann, ist eine andere Frage!

Sicher hätte es auch noch andere Gebiete gegeben, die man als zurückgeblieben einstufen könnte. So z.B. die Kantonals allgemein (auch die gestempelten), die heute zu sehr anständigen Preisen zu haben sind. Bei den Zürich 6 hat sich seit zwei Jahren ein recht massives Ansteigen des Interesses gezeigt. Wohl ausgelöst durch das diesbezügliche Büchlein von J. Gnägi und meine eigenen Artikel in den beiden letzten Katalogen. So sind derzeit schon einige 100er Tafeln der Zürich 6 im Aufbau! Unbeachtet bleibt hier aber die Tatsache, dass man z.B. auch die Waadt 5 plattieren könnte - eine Marke notabene, die heute recht billig zu haben ist und sicherlich als eine der stempelmässig interessantesten aller Kantonalmarken überhaupt gelten darf! Ein lohnendes Sammelgebiet für einen initiativen Sammler, dem ich recht gerne und aus eigenem diesbezüglichen Interesse dabei an die Hand gehen würde.

Bei den Rayonmarken ist sicherlich die Talsohle durchschritten und das Interesse wieder entflammt. Allerdings ergeben sich zweifelsohne auch hier noch auf Jahre hinaus günstige Erwerbsmöglichkeiten. Es ist dies möglicherweise das interessanteste Sammelgebiet der klassischen Schweizer Philatelie, weil es hier nicht nur verschiedene Drucksteine und Typen, sondern auch herrliche Abstempelungen, Einheiten, Briefe und Halbierungen, ganz abgesehen von Mischfrankaturen und Probedrucken zu sammeln gibt. Hier kommt wirklich jeder auf seine Rechnung. Und zwar auch dann, wenn er sein Sammelgebiet stark spezialisieren möchte!

So möge denn dieser wunderschöne Block des kleinen Adlers für Sie ein Ansporn sein für eine eigene Sammeltätigkeit in einem derzeit noch vernachlässigten Gebiet der klassischen Schweizer Marken. Rein informativ sei noch erwähnt, dass er nicht etwa die grösste bekannte Einheit dieser Marke darstellt! Es gibt noch einen Zwanzigerblock vom oberen und einen 18er Block vom unteren Bogenrand.

Schmerikon, 1986
Gottfried Honegger

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