Unterbewertete Gebiete durch die Lupe betrachtet

Jedes Jahr, wenn man daran geht, die Preise der klassischen Marken für den nächstjährigen Katalog neu zu überdenken und allenfalls zu überarbeiten stellt sich das nämliche Problem der intensiven Suche nach preislich zurückgebliebenen Nummern und allenfalls auch solchen, die im Katalog zu hoch notieren. Die Anpassung der Preise ist eine viel aufwendigere und schwierigere Aufgabe als viele wohl annehmen.

Lassen Sie mich chronologisch, also nach den einzelnen Katalognummern
vorgehen und solchermassen "laut denken", wie sich für den betroffenen
Händler die Marktlage ergibt, falls er nicht einzig auf sein eigenes Lager
abstellen, sondern auch die allgemeine Entwicklung im Auge behalten möchte. Hier wollen wir uns aber lediglich auf die unterbewerteten Gebiete
beschränken; einen "Marktspiegel" finden Sie im Vorwort über die aktuelle
Marktlage. Wie immer beschränkt sich die Betrachtung auf das Gebiet der
ungezähnten Alt-Schweiz-Marken.

Ungebrauchte Ausgaben:

Hier besteht nach wie vor ein Nachholbedarf. Wir bemühen uns, nach
Möglichkeit diese Werte nicht nur anzubieten, sondern vor allem auch
anzukaufen. Jedenfalls, wenn die Preise in einem realistischen Verhältnis
zur Qualität liegen. Der Gummi kann dabei völlig vernachlässigt werden bei den ungezähnten Werten, weil er die Marken früher oder später
beeinträchtigt. Wir stellen hier ein - nun doch schon seit einigen Jahren -
langsam steigendes Interesse fest und sind in etlichen Nummern schon
vollkommen ausverkauft. Natürlich würden wir diese gerne nachkaufen. Andere - wie etwa die billigeren Strubelwerte, vor allem der letzten Ausgaben und auch die Rayons der gewöhnlichsten Drucksteine - sind genügend vorhanden. Preiskorrekturen sind teilweise letztes Jahr wieder einmal gemacht worden. Die haben sich als völlig zutreffend erwiesen. In den meisten Fällen ist es aber so, dass man bei Preiserhöhungen zunächst auf die Erhöhung der Nachfrage warten sollte. Sobald diese erfolgt, wird man die Ansätze nachziehen müssen.


Paare von Kantonalmarken:

Auf die Betrachtung noch grösserer Einheiten können wir hier verzichten,
weil sie fast nur bei der Winterthur vorkommen. Die Paare dieser
Kantonalmarken wurden in den letzten Jahren preislich in einem ersten Schub einmal in einen einigermassen realistischen Bezug zur Seltenheit und zu erzielten Marktpreisen gebracht. Die Entwicklung seither zeigt klar, dass dies ein erster Schritt war und dass hier noch weiteres Potential nach oben besteht. Wie sich gezeigt hat genügt auch hier die Nachfrage eines oder jedenfalls ganz weniger Käufer um die Preise explodieren zu lassen. Wir haben es in diesem Bereich mit meist nur einstelligen Vorkommen zu tun (bei denen die Qualitäten erst noch stark variieren!). Im Ausland - vor allem in den USA - stört sich kein Mensch mehr daran, dass selbst viel häufigere Vorkommen bei deren Seltenheiten ohne weiteres wesentlich höhere Preise bringen können. Ich bin nicht sicher, ob wir für unsere klassischen Raritäten wirklich weniger Interessenten haben weltweit. Es könnte auch sein, dass man für diese andern Spitzenstücke einfach einen viel grösseren Werbeaufwand betreibt! (Stichwort: PR!) Sei dem wie es wolle, jedenfalls brauchen wir für unsere seltensten Stücke keineswegs Angst zu haben, die Katalogpreise würden sich als zu hoch erweisen - ganz im Gegenteil! Hier wird sicher einiges noch passieren künftig!

Viererblocks:

Vor einigen Jahren haben wir die Einheiten aller ungezähnten Marken lose und auf Brief (bis hin zu den Viererblocks) einmal - nach jahrelangen Studien und Marktbeobachtungen - versucht zu bewerten. Solche Tabellen finden Sie heute in jeder Ausgabe des SBHV-Kataloges. Wenn man nun daran geht zu erforschen, wo es noch einen Korrekturbedarf gebe, so kann ich einen zweifelsfrei angeben: die Bewertung der Viererblocks ist ganz allgemein noch zurückgeblieben. Dabei kommt zum Ausdruck, dass es für diese Art der Einheiten - im Quervergleich zu den Streifen - mehr Sammler gibt. Und wenn man gewisse Nummern selber seit Jahren gerne ankaufen würde, aber dennoch nichts finden kann, so ist dies ein klarer Hinweis dafür, dass hier noch ein ordentliches Missverhältnis bei den Preisen vorliegt. Dazu kommt noch die Erkenntnis, dass auf der Post ein Schalterbogen in aller Regel eben in Streifen - und nicht in Viererblocks - zerschnitten worden ist beim Einzelverkauf der erforderlichen Frankatur. Das hing wohl mit der leichteren Zählbarkeit der noch vorhandenen Marken am Tagesende zusammen. Wahrscheinlich ist es deshalb kein Zufall, dass man Viererblocks häufig auf Notariats- oder Gerichtsbriefen findet, wo man diese meist selber, aus einem vorhandenen Markenvorrat, frankiert hatte.



Mit einer künftigen Höherbewertung soll natürlich auch dem Vorwurf begegnet werden, mit dem missliebige Sammler recht schnell jeweils bei der Hand sind, dass hohe Katalogpreise für seltene oder kaum erhältliche Sachen gar nicht im Interesse der Händler lägen, weil diese angeblich viel lieber günstig einkaufen würden! Dass davon bei uns keine Rede sein kann möchte ich auch dadurch unter Beweis stellen, dass ich jedem Interessenten sehr gerne Auskunft darüber gebe, welche Sachen in meinen Augen noch zu billig und welche eher zu teuer in den Katalogen stehen. Sie können solches ja auch fast in jedem meiner diesbezüglichen Artikel nachlesen.

Briefe mit Zürich 6 von kleinen Landgemeinden:

Diese Belege erkennen Sie in der Regel, weil diese Postablagen nur einen
schwarzen Balkenstempel neben und eine schwarze Rosette auf der Marke
verwendeten. Solche Briefe kosten heute eigentlich immer noch ungefähr
gleichviel, wie ein normaler Zürich 6 - Brief aus der Stadt Zürich mit roter
Rosette. Die viel grössere Seltenheit würde aber einen angemessenen Aufpreis rechtfertigen. Suchen Sie einmal solche Landbriefe zusammen, Sie werden nicht all zu viele finden in einem Jahr! An sich sind durchaus auch Landbriefe der grösseren Orte (mit schwarzen Rundstempeln und schwarzer Rosette auf der Marke) seltener als die Briefe der Stadt Zürich. Preislich sollten solche dazwischen liegen. Natürlich spielt aber auch hier die Erhaltung und die Schönheit eine grosse Rolle, sodass ohne weiteres ein "gewöhnlicher" Brief aus der Stadt Zürich, der traumhaft schön ist wesentlich mehr bringen kann, als ein "mittelprächtiger" Landbrief mit schlechtem Balkenstempel! Im Quervergleich muss man natürlich
die gleiche Qualitätsstufe vergleichen.


Genfer Ganzsachen:

Die gestempelten Ganzsachen sind in den letzten Jahren wiederholt preislich erhöht worden. Dies ohne, dass deswegen ein vermehrtes Angebot im Markte zu beobachten gewesen wäre. Hier würde ein oder einige ganz wenige neue Kunden genügen, um die Preise als immer noch lächerlich im Vergleich zur Seltenheit erscheinen zu lassen. Im Markt ist praktisch nichts aufzutreiben. Nur nach der Auflösung einer grossen Sammlung kann man hier wieder einmal eine Lücke schliessen. (Aber eben: nur eine!)

Bekanntlich sind die ungebrauchten Ganzsachen in drei verschiedenen Grössen vorgekommen. (Das von Dr. Fulpius erwähnte 4. Format lassen wir hier einmal weg, weil es nur in einem einzigen Exemplar vorgekommen sein soll und man die Echtheit heute wohl sehr gerne nochmals überprüft haben möchte.) Das grosse Format (Zumstein Nummer 07III) findet man genügend. Das mittlere Format (07II) und vor allem das kleine Format (07I) sind jedoch keineswegs häufig und hier fehlt es ganz klar an Sammlern, die diese drei verschiedenen Ganzsachen zeigen möchten. Der Preis für das grosse Format würde wohl bleiben, keinesfalls aber jene für die beiden selteneren Formate!

Eigentlich gilt dies durchaus auch für den auf einem Brief verwendeten
Ganzsachenausschnitt, Zumstein Nummer 07. Im Verhältnis zu einer Doppelgenf auf Brief ist dieser als viel seltener zu bezeichnen - auch wenn der Katalogpreis nur gut ein Drittel davon beträgt. Dass das vorhandene
Marktangebot aber immer noch ausreicht und die Preise dafür sicher nicht
erhöht werden müssen zeigt, dass all zu viele Sammler diese Seltenheit noch nicht erkannt haben und dass sie deshalb zu Unrecht auf einen Ankauf verzichten. Vergessen Sie nicht, dass es sich hier um eine ganz offizielle Genfer Kantonalmarke handelt, die an sich in keiner kompletten Alt-Schweiz-Sammlung drin fehlen dürfte! Wenn jemand auf den Ankauf der Ganzsache selber verzichten will, so muss man dies zwar nicht unbedingt für richtig halten, aber ein gewisses Verständnis mag man dafür allenfalls aufbringen, weil jemand sich auf den Standpunkt stellen mag, dass er zwar Marken, aber keine Ganzsachen sammeln möchte. Das trifft aber - und darin liegt der gedankliche Fehler, den diese Sammler machen - keinesfalls auf den Ganzsachenausschnitt zu! Da die Ganzsachen vom Publikum nicht wie erwartet angenommen worden waren, hat die Genfer Post selber das Wertzeichen aus den Umschlägen ausgeschnitten und zur Frankatur auf normalen Briefen verwendet. Damit sind diese Ganzsachenausschnitte als eigenständige Kantonalmarken ab dem
01.06.1849 in den Verkehr gelangt. Es gibt keinen Grund, warum diese nicht in jede komplette Kantonalsammlung aufgenommen werden sollten. Mit einem Preis von lediglich rund 5% über jenem des dunkelgrünen Adlers steht dieser aber in keinem Verhältnis zum effektiven Vorkommen.


Die Bewertung von Mehrfachfrankaturen auf Briefen:

Bei den Strubeln gibt es seit Jahrzehnten eine landläufige Empfehlung, dass man bei Mehrfachfrankaturen auf Brief für den zu errechnenden Katalogwert den Katalogpreis des teuersten Wertes auf Brief nimmt und dazu die Katalogpreise für die losen Marken der andern Marken dazuzählt. Man will damit verhindern, dass der Aufpreis für einen Brief mehrfach gerechnet wird. Das ist teilweise absolut richtig. Und zwar dort, wo es um eine hohe Wertstufe zusammen mit einer (oder einigen) billigeren Marken geht. Nehmen wir als Beispiel eine 1.-- Strubel-Marke auf einem Brief mit einer oder zwei kleinen Wertstufen der billigeren D- oder G-Ausgabe. Bei einem Katalogpreis von derzeit 2600.-- für eine 1.-- auf Brief ist es gleichgültig, ob man für eine zusätzliche 23G den Briefpreis dafür von 60.-- oder aber den Preis für eine lose Marke (30.--) addiert. Bei solch krassen wertmässigen Unterschieden spielt dies ganz einfach keine Rolle. Mit andern Worten: für die Ermittlung des Nettopreises für solch einen Brief geht es vor allem um die Qualität des teuersten Wertes und die Erhaltung und Schönheit des Briefes an sich oder aber um die Destination desselben. Etwas anders sieht es aber bei Kombinationen von wertmässig ähnlichen Marken aus. Insbesondere auch bei Mehrfachfrankaturen mit gleichen Marken. Für den normalen Sammler mag es wichtig sein zu wissen, ob nun ein Brief mit einem Paar 5er oder 10er G-Strubel (Katalogpreis = je 140.--) wirklich mehr wert sein soll, als ein Brief mit jeweils zwei Einzelstücken dieser Wertstufen. Für letztere käme man bei der alten Berechnungsformel auf 60.-- für ein Einzelstück auf Brief zuzüglich 30.-- für eine zusätzliche gleiche Marke, die man nur als lose dazuzählen würde. Insgesamt also Katalogpreis = 90.--. Noch etwas klarer mag es werden, wenn wir Briefe mit einerseits einem Dreierstreifen dieser Wertstufe auf Brief (Katalogpreis = 340.--) mit einem Brief mit drei Einzelstücken der gleichen Marke vergleichen. Letztere käme lediglich auf einen Katalogpreis von 60.-- + 2x 30.-- = total 120.--. Hier sehen wir sofort, dass dieser Unterschied nicht sein kann. Der preisliche Unterschied ist viel geringer (resp. gelegentlich gar nicht vorhanden) bei Mehrfachfrankaturen katalogmässig ähnlicher Stücke.


Betrachten wir die Situation bei den Rayons oder allgemein den
Durheim-Ausgaben:

Ein Brief mit einem Paar Rayon II oder Rayon I hellblau steht im Katalog des Schweiz. Händlerverbandes mit 800.-- bei den Grundmarken, also den
billigsten Drucksteinen. Die Frage ist nun, ob ein Brief mit zwei
Einzelstücken dieser Marken (oder meinetwegen auch einer Kombination einer 16II mit einer 17II der billigsten Drucksteine) in der Tat billiger sein
soll, als ein Brief mit einem solchen Paar. Die Einzelstücke auf Brief kämen
ja lediglich auf einen Katalogpreis von 400.-- für einen Brief plus 200.--
für das zweite Stück (als lose Marke gerechnet). Zusammen also 600.--. Ich meine, dass dieser Unterschied im Markt nicht besteht.

Das sehen wir an diversen Beispielen: Ein Nachnahme-Brief mit einer Rayon II und einer Rayon III (grosse Wertziffer) würde nach der alten
Berechnungsmethode einen Katalogwert von 600.-- aufweisen. Es kann aber wohl kaum eine Rede davon sein, dass er weniger wert sein solle, als ein Paar Rayon II auf Brief oder ein Paar Rayon I hellblau auf Brief (immer ausgegangen von den gewöhnlichsten Drucksteinen).

Oder wählen wir ein durchaus vorkommendes weiteres Beispiel: Ein Brief mit einem Paar des gelben Drucksteines A1 notiert gemäss Katalog des SBHV mit 2500.---. Ein Brief jedoch mit zwei Einzelmarken des Steines A1 käme gemäss alter Berechnungsmethode lediglich auf 1200.-- für einen Brief mit einer Marke zuzüglich 650.-- für eine zweite (lose gerechnet), also katalogmässig auf total 1850.-- zu stehen. Das stimmt aber nie und nimmer mit der Realität überein.


Auf dieselben Resultate kommt man auch bei der Betrachtung der Orts-Post und Poste Locales:

Dort muss man zudem bei der Betrachtung aufpassen weil, die
Einzelfrankaturen gelegentlich seltener sind als ein Paar auf Brief. Deshalb
wollen wir uns auf die Frage beschränken, ob ein Brief mit einem Paar einer Orts-Post oder einem Paar einer Poste Locale mehr wert sein soll, als ein Brief mit jeweils zwei Einzelstücken dieser Marken. Ich bin der Ansicht,
dass dieser Unterschied gering oder gar nicht vorhanden ist.

Zusammenfassend kann man deshalb sagen, dass man die Mehrfachfrankaturen nicht nach einem fixen Schema bewerten kann. Man muss auf verschiedene Faktoren Rücksicht nehmen. Bei wertmässig stark unterschiedlichen Wertstufen mag die alte Berechnungsformel durchaus gängig sein. Bei ähnlichen Katalogwerten jedoch nicht. Dort kann man in vielen Fällen für Briefe mit zwei oder mehreren Einzelmarken den gleichen Katalogwert annehmen, wie für einen Streifen auf Brief mit gleich vielen Marken. Gelegentlich könnte man einen kleinen Unterschied rechtfertigen, indem man für den Brief mit den Einzelmarken vielleicht 10% weniger annimmt als für den Streifen auf Brief mit gleich vielen Marken.

Wie überall in der Philatelie wird diese katalogmässige Bewertung aber
überlagert von der Erhaltung, von der Schönheit, der Beliebtheit einer Marke oder einer Abstempelung und nicht zuletzt auch von der Art der Verwendung oder der Destination.

Aktuelles Angebot
 2429
Newsletter

Bestellen Sie jetzt unseren kostenlosen E-Mail Newsletter.

Oder tragen Sie Ihre E-Mail Adresse aus dem Newsletter Verteiler aus.

Sprache:
Aktion:
E-Mail:

deutsch englisch

© 2009 Honegger Philatelie AG, 8716 Schmerikon